Stargordt (Starogard) (†) (K)

Der Ort Stargordt (Starogard), auf halbem Wege zwischen Regenwalde und Schivelbein gelegen, soll ursprünglich eine slawische Burg gewesen sein, doch waren nach Aussage des Grafen Gustav von Borcke (um 1860) dort keine sichtbaren Überreste einer möglichen Wehranlage mehr auszumachen. Allerdings befindet sich südwestlich des Ortes in der Wiesenniederung der Rega ein alter wendischer Burgwall, auf den sich der Name Stargordt beziehen könnte.[1]

Schon seit der deutschen Besiedlung Pommerns gehörte der Ort zu den umfangreichen Besitzungen der auf den Burgen Regenwalde und Stramehl gesessenen Herren von Borcke, einem ursprünglich wendischen Geschlecht. Die damaligen Lehnsinhaber Stargordts wohnten also nicht direkt im Ort, sondern auf ihren sicheren Vesten in der Nachbarschaft. Noch Mitte des 16. Jahrhunderts war das Gemeinwesen ein Vorwerk von Stramehl, das zu der Zeit in der Hand von Matzke Borcke lag. Dieser verpfändete Stargordt an den pommerschen Herzog Barnim IX. Da der Stramehler das Vorwerk nicht wieder einlösen konnte, sprang sein Vetter Adrian Borcke aus Regenwalde in die Bresche, sodass Stargordt 1558 an den pekuniär bessergestellten Vetter fiel. Nach dessen Tod gelangte der Ort 1563 in den Besitz von Steffen von Borcke auf Alt Döberitz (Bruder des Verstorbenen), um zu Beginn des 17. Jahrhunderts in die Verfügungsgewalt von Andreas von Borcke überzugehen (bis 1651, er hatte Anna von der Osten aus dem Hause Plathe zur Ehefrau). Der Letztgenannte war der erste von Borcke, der sich in Stargordt häuslich niederließ. Zu seinen Besitznachfolgern gehörten unter anderem: Adrian von Borcke (ab 1651, Sohn des Vorbesitzers),[2] der Generalfeldmarschall Adrian Bernhard Graf von Borcke (1668–1741, geb. in Alt Döberitz, Sohn des Kornetts Andreas von Borcke auf Regenwalde, Stargordt und Alt Döberitz, er war mit Antoinette Hedwig geb. Freiin von Hallart vermählt und hinterließ folgende Güter: Stargordt, Krössin, Lassehne, Timmenhagen, Henkenhagen, Pomellen, Pargow, Kurow und Staffelde, er ließ den Haupttrakt des Stargordter Schlosses errichten).[3]

Friedrich Wilhelm Graf von Borcke (von 1741 bis 1742, ältester Sohn des Feldmarschalls),[4] der Generalmajor Heinrich Adrian Graf von Borcke (1715–1788, von 1742 bis 1788, zweitältester Sohn des Feldmarschalls, General der Kavallerie und Erzieher des Kronprinzen Heinrich, erweiterte das Schloss durch zwei auf einer Linie liegende Flügel), der Major Philipp Carl Ludwig von Borcke (von 1788 bis 1826, Agnat des Vorgenannten), der Rittmeister Ernst Theodor Albert Eugen von Borcke (von 1826 bis 1848, Sohn des Vorbesitzers, wurde 1840 in den Grafenstand erhoben), Gustav Graf von Borcke (ab 1848, Sohn des Rittmeisters)[5] und Dr. Henning Graf von Borcke-Stargordt (bis Anfang März 1945).[6]

Udo von Alvesleben skizziert Stargordt in seinem Reisetagebuch von 1939 folgendermaßen: „Kurzer Halt in Stargordt, dem stattlichsten Sitz des 18. Jahrhunderts in Hinterpommern. Das Schloss ist unvollendet, etwas roh in den Formen, aber doch wirkungsvoll. Der Park hat noch seine symmetrische Grundform und alte Alleen. In Stargordt hängt das Borcksche Familienbild von Pesne, das ich 1933 im Berliner Schloss sah. Wir durchmaßen also das Gebiet des pommerschen Sprichwortes: ,Der Borcken Mut, der Glasenappen Gut, der Wedel Tritt, wer dett hat, der kümmt mit’.“[7]

Das Stargordter Schloss bestand aus dem 1717–1721 im Stil des norddeutschen Barock errichteten Hauptgebäudes (neun Achsen, zweigeschossig, unterkellert, Mansarddach, an der Hofseite dreiachsiger Mittelrisalit mit Pilastergliederung, über Risalitgesims ab 1860 Volutengiebel, im Giebelfeld Borcke’sches Wappen mit der Jahreszahl 1840, zwei einachsige Seitenrisalite; angeblich holländischer Architekt), dem zur linken Hand (vom Hof aus gesehen) liegenden Galeriebau (1743 aufgeführt, eingeschossig, anfangs zwei, ab 1860 drei Achsen, ehemals Sattel-, ab 1860 Mansarddach), dem sich anschließenden Pavillonflügel (1743 errichtet, zweigeschossig, vier Achsen, ursprünglich Sattel-, ab 1860 durchbrochenes Zeltdach) und dem zur rechten Hand liegenden Ostflügel (1743 errichtet, mehrachsig, eingeschossig, evtl. mit späterem hofseitigen Anbau, Flügel 1930 wegen Baufälligkeit abgetragen). Im Jahre 1860 erfuhr das Schloss eine Umgestaltung. Dabei wurden die Fassaden- und Dachbereiche des Pavillon- und Galerieflügels verändert und dem Altbau architektonisch angeglichen.[8] Der Stargordter Herrensitz erinnerte ab 1930 mit seiner Flügelanordnung ein wenig an die Karlsburger Schlossanlage bei Greifswald, nur erreichte er nicht ganz deren Länge. Zur Ausstattung des Hauses gehörten unter anderem mehrere wertvolle Gobelins (18. Jahrhundert) mit Darstellungen aus der antiken Mythologie. Genannt werden folgende Exemplare:
– Okeanus und seine Töchter (mit acht Meter Breite das größte der kostbaren Stücke)
– Raub der Europa
– Der fliegende Merkur
– Diana
– Bacchus
– Die Jagd auf den Kalydonischen Eber
– Das Bad der Diana[9]

Weiterhin waren vertreten: alte chinesische Seidentapeten (im Speisesaal), Historiengemälde (angeblich von General Hallart aus dem Wolgaster Schloss nach Stargordt gebracht),[10] eine Ahnengalerie (20 Porträts, darunter einige Exemplare von Pesne gemalt), eine Büchersammlung zur Naturgeschichte, Empire- und Danziger Möbel, Altberliner Porzellan, geschliffenes Glas, ein reich verziertes Bernsteinkästchen (Geschenk der Stadt Stolp) und eine freitragende Treppe aus Eichenholz, die das Erdgeschoss mit dem Obergeschoss verband.[11]

Vor dem Schloss, also zur Straße hin, befand sich ein großer Vorplatz mit einem fast ebenso großen Rondell, auf dem eine alte Beutekanone (ein königliches Geschenk aus Berlin)[12] über das herrschaftliche Anwesen wachte. Auf dem Rondell steht gegenwärtig ein desolates PGR-Gebäude, und im verwilderten Park hinter der Schlossruine hat Mutter Natur das Heft in die Hand genommen. Die anfangs barocke Anlage (1874 ca. 2,5 Hektar, 1912 etwa 15 Hektar, wurde Mitte des 18. Jahrhunderts von Heinrich Adrian Graf von Borcke angelegt) zeichnete sich durch ein großes Rasenparterre, mehrere Taxusbäume und eine schnurgerade Lindenallee aus.[13] Am Ende der Allee ließ Generalmajor von Borcke seiner verstorbenen Gattin Wilhelmine (geb. von Brandt) ein ca. fünf Meter hohes Denkmal (Steinobelisk) errichten, an dem ein aus Erz gefertigtes Porträtmedaillon Wilhelmines angebracht war. Unter dem Medaillon stand folgende Zeile: „Zum Andenken der Besten der Frauen setzte Dieses Heinr. Adr. v. Borcke MDCCLXXII“[14]. Nach Johann Bernoulli hatte der Park 1777 folgendes Aussehen: „Der prächtige Garten hat ein Parterre von mittlerer Größe von der Form einer Rennbahn der Alten mit einem leichten und doch hohen Bogengang von Taxusbäumen, und jenseits des Raumes für die Spaziergänger mit hohen und dichten Bäumen und Büschen umgeben. Von der Spitze dieses Amphitheaters geht eine schmale gerade Allee aus, die in einem grünen Salon endigt, in welchem zum Gesichtspunkt der Allee man ein Grabmal sieht.“[15]

Der bereits erwähnte Dr. Henning Graf von Borcke war der letzte deutsche Besitzer des damals 3350 Hektar großen Rittergutes Stargordt (einschließlich der Pertinenzen). Noch kurz vor Kriegsende hatte sich im Schloss ein deutscher Militärstab einquartiert, der jedoch von der Roten Armee überrollt wurde. Zum Glück konnten sich Graf Henning nebst Frau und Töchtern noch rechtzeitig mit einem Jagdwagen über Stock und Stein in Sicherheit bringen.[16]

Am 3. März 1945 wurde das Schloss von Soldaten der Roten Armee niedergebrannt und die wertvollen Kunstschätze vernichtet.[17] Erhalten haben sich bis heute (2005) lediglich die Umfassungsmauern des Haupttraktes und ein später errichtetes Nebengebäude.

Nach der Einnahme Stargordts durch die Rote Armee im Frühjahr 1945 verblieb das Gut anfangs unter direkter Verwaltung des sowjetischen Militärs, um später in polnischen Besitz überzeugen, sodass die neuen polnischen Bewohner nun, da sie die Häuser und Höfe der Bauern schon vorher konfisziert hatten, über den gesamten Ort verfügten.

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[1] Wachholz, Gerhard; Borcke, Rüdiger von: Heimatbuch des Kreises Regenwalde, hrsg. v. Heimatkreis Regenwalde, Bielefeld 1970, S. 147

[2] Borcke, Elisabeth von: Ein Bauwerk aber kein Schloss, in: Die Pommersche Zeitung, Jg. 52, Folge 14, 6. April 2002, S. 9

[3] Borcke, Wulf-Dietrich von: Zwischen Europas Kriegsschauplätzen und Preußens Außenpolitik. Adrian Bernhard Graf von Borcke-Stargordt – erster Schlossherr von Stargordt in Pommern, in: Pommern, Zeitschrift für Kultur und Geschichte, XLV. Jg. (2007), Heft 4, S. 7

[4] Ebd., S. 17

[5] Berghaus, Heinrich: Landbuch des Herzogthums Pommern, II. Th., Bd. 7, enthaltend den Kreis Regenwalde und Nachrichten über die Ausbreitung der römisch-kathol. Kirche in Pommern, Berlin, Wriezen an der Oder und Angermünde 1874, S. 858f.

[6] Neuschäffer, Hubertus: Schlösser und Herrenhäuser in Hinterpommern, Leer 1994, S. 233

[7] Ebd.

[8] Borcke, Wulf-Dietrich von: Zwischen Europas Kriegsschauplätzen und Preußens Außenpolitik. Adrian Bernhard Graf von Borcke-Stargordt – erster Schlossherr von Stargord in Pommern, in: Pommern, Zeitschrift für Kultur und Geschichte, XLV. Jg. (2007), Heft 4, S. 6f.

[9] Wachholz, Gerhard; Borcke, Rüdiger von: Heimatbuch des Kreises Regenwalde, hrsg. v. Heimatkreis Regenwalde, Bielefeld 1970, S. 146

[10] Lemcke, Hugo (Bearb.): Die Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Stettin, hrsg. i. Auftr. d. Ges. f. Pom. Gesch. u. Altertumskunde, Heft X: Der Kreis Regenwalde, Stettin 1912, S. 122

[11] Wachholz, Gerhard; Borcke, Rüdiger von: Heimatbuch des Kreises Regenwalde, hrsg. v. Heimatkreis Regenwalde, Bielefeld 1970, S. 146f.

[12] Ebd., S. 146

[13] Berghaus, Heinrich: Landbuch des Herzogthums Pommern, II. Th., Bd. 7, enthaltend den Kreis Regenwalde und Nachrichten über die Ausbreitung der römisch-kathol. Kirche in Pommern, Berlin, Wriezen an der Oder und Angermünde 1874, S. 857, sowie Lemcke, Hugo (Bearb.): Die Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Stettin, hrsg. i. Auftr. d. Ges. f. Pom. Gesch. u. Altertumskunde, Heft X: Der Kreis Regenwalde, Stettin 1912, S. 407

[14] Wachholz, Gerhard; Borcke, Rüdiger von: Heimatbuch des Kreises Regenwalde, hrsg. v. Heimatkreis Regenwalde, Bielefeld 1970, S. 146

[15] Lemcke, Hugo (Bearb.): Die Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Stettin, hrsg. i. Auftr. d. Ges. f. Pom. Gesch. u. Altertumskunde, Heft X: Der Kreis Regenwalde, Stettin 1912, S. 120f.

[16] Neuschäffer, Hubertus: Schlösser und Herrenhäuser in Hinterpommern, Leer 1994, S. 233

[17] Borcke, Wulf-Dietrich von: Zwischen Europas Kriegsschauplätzen und Preußens Außenpolitik. Adrian Bernhard Graf von Borcke-Stargordt – erster Schlossherr von Stargordt in Pommern, in: Pommern, Zeitschrift für Kultur und Geschichte, XLV. Jg. (2007), Heft 4, S. 6

 

Abkürzungen:
(†) Untergegangenes Haus
(K) Kurzbeschreibung
PGR – Państwowe Gospodarstwo Rolne (Staatlicher Landwirtschaftsbetrieb)

  1. Stargordt (Starogard), Schlossruine, Hof- bzw. Südseite; Foto: D. Schnell, April 1995
  2. Stargordt (Starogard), Schloss, Hof- bzw. Südseite, aus: Zwischen Europas Kriegsschauplätzen und Preußens Außenpolitik von Wulf-Dietrich von Borcke, abgebildet in: Pommern, Zeitschrift für Kultur und Geschichte, XLV. Jg. (2007), Heft 4, S. 6f. (derzeit nicht dargestellt)
  3. Stargordt (Starogard), Ölgemälde Generalfeldmarschall Adrian Bernhard von Borcke-Stargordt von Georg Lisiewski, Schloss Königswusterhausen, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, aus: Zwischen Europas Kriegsschauplätzen und Preußens Außenpolitik von Wulf-Dietrich von Borcke, abgeb. in: Pommern, Zeitschrift für Kultur und Geschichte, XLV. Jg. (2007), Heft 4, S. 12 (derzeit nicht dargestellt)
  4. Stargordt (Starogard), Schloss, Gobelinzimmer, aus: Pommern. Ein Bildband der Heimat mit 159 Fotografien, Kultur- und kunstgeschichtliche Einleitung von Klaus Granzow, Frankfurt am Main 1975, Abb. 100 (derzeit nicht dargestellt)

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