Schwerinsburg (†) (K)

Der Ort Schwerinsburg, ehemals Kummerow, ist ein altes Lehen der Familie von Schwerin. Das vor allem im sogenannten Grafenwinkel (südlich von Anklam gelegen) beheimatet gewesene Geschlecht gehörte seinerzeit zu den begütertsten Grundbesitzern ganz Pommerns.

Einer seiner bekanntesten Vertreter war der auf Schwerinsburg gesessene preußische Generalfeldmarschall Curd Christoph von Schwerin (geb. 1684 in Löwitz, gef. am 6. Mai 1757 während des Siebenjährigen Krieges in der Schlacht bei Prag).[1] Nach dem Tode Curd Christophs wurde der umfangreiche Nachlass des Verstorbenen geteilt. Dabei fiel Schwerinsburg an den Generallandschaftsrat Bogislaw Detlev Graf von Schwerin (Neffe des Erblassers). Als Graf Detlev 1791 aus dem Leben schied, übernahm sein Sohn Heinrich Graf von Schwerin den Besitz (siehe auch Beitrag „Putzar“). Zu den weiteren Herren auf Schwerinsburg zählten nachfolgend: Viktor Graf von Schwerin (von 1839 bis 1903, Sohn des Vorgenannten), Axel Graf von Schwerin (von 1903 bis 1936, Enkel des Vorbesitzers) und Eberhard Graf von Schwerin (von 1936 bis 1945, Bruder des Grafen Axel).[2]

Zu den größten Schlössern Pommerns überhaupt gehörte der gewaltige barocke Herrensitz Schwerinsburg. Die u-förmige Anlage mit einem nach Nordwesten hin offenen Ehrenhof bestand aus dem Hauptgebäude (Streichrichtung Südwest–Nordost, 13 Achsen, zweigeschossig, unterkellert, Mansarddach mit fünf Kaminschornsteinen und mehreren Fledermausgauben, Hof- beziehungsweise Nordwest- und Gartenseite durch Pilastergliederung betont, an ersterer mittig gelegene Terrasse mit Freitreppe, darüber in Obergeschosshöhe Balkon, oberhalb desselben in Traufhöhe etwa zehn Meter lange Attika, an Garten- beziehungsweise Südostseite ebenfalls Balkon und Attika, in letzterer Wappenstein des Bauherrn, unterhalb des gartenseitigen Balkons überdachte Terrasse mit Freitreppe, über Vestibül und Gartensaal des Erdgeschosses großer „Himmelssaal“ mit reicher Stuckornamentik und lebensgroßen Bildern der Königsfamilie), zwei in Richtung Nordost beziehungsweise Südwest streichenden Zwischentrakten (an jeder Hauptgebäude-Schmalseite einer, liegen gartenseitig mit dem Hauptgebäude fast auf einer Line, versetzen hofseitig um mehrere Meter nach hinten, je Exemplar: fünf Achsen, zweigeschossig, unterkellert, Satteldach), zwei pavillonartigen, die Zwischentrakte verlängernden Eckgebäuden (je Vertreter: 4 × 4 Achsen, zweigeschossig, unterkellert, durchbrochenes Zeltdach) und zwei von den Eckgebäuden in Richtung Nordwest abzweigenden Flügeln (je Exemplar: bei ca. 40 Meter 12 × 3 Achsen, zweigeschossig, Mansardendach). In einem der Seitenflügel war die Kapelle untergebracht und im anderen die Küche. Die Gartenfront mit dem Hauptgebäude und den Zwischentrakten und Eckgebäuden wies bei 31 Achsen insgesamt eine Länge von ca. 110 Metern auf, womit das hochherrschaftliche Gebäude in etwa das Ausmaß des Rempliner Schlosses (bei Malchin gelegen) erreichte.[3]

Das am 1. Mai 1945 von polnischen Zwangsarbeitern niedergebrannte Schloss war zwischen 1720 und 1733 von Curd Christoph von Schwerin errichtet worden. Als König Friedrich Wilhelm I. (1688–1740) den prächtigen Bau im Jahre 1734 zu Gesicht bekam, erschien ihm der Ortsname Kummerow, denn so hieß Schwerinsburg vorher, als zu widerspruchsvoll, daher verkündete er: „Von Kummer ist nicht viel zu sehen! Kummerow soll hinfort Schwerinsburg heißen.“[4] Leider ist der Baumeister des großen Hauses nicht bekannt. Man geht jedoch davon aus, dass es sich bei ihm um den Architekten handelte, der für den Bruder des Feldmarschalls in der Berliner Wilhelmstraße das spätere Reichskanzlerpalais aufführen ließ. Sowohl in Berlin als auch in Schwerinsburg kamen italienische Künstler und Handwerker zum Einsatz. Über dem hofseitigen Hauptportal des vorpommerschen Schlosses war folgende Inschrift angebracht: „Unter der glorreichen Regierung Friederici Wilhelmi Königs von Preußen habe ich Curd Christoph von Schwerin, Ritter des Schwarzen Adlerordens, Sr. Mäjästät General-Gouverneur der Veste Peiz, Obrist über ein Regiment Infanterie, Amtshauptmann von Jerichow und alten Platen, des Erzherzogtums Vorpommern Erbküchenmeister, in Gemeinschaft mit meiner Gemahlin, der Freyin Ulrica Eleonora von Krassow, dieses Gebäude meiner Posterität zum Andenken MDCCXXXIII durch Gottes Gnade beendigt.“[5]
Das Schloss verfügte über eine ganze Anzahl von Gemälden des preuß. Hofmalers Antoine Pesne (1683–1757). Um den Werken des geschätzten Franzosen einen würdigen Platz zu bieten, hatte man im Haus ein „Pesne-Zimmer“ einrichten lassen, das der Künstler auch persönlich in Augenschein nahm, als er, einer Einladung des Generalfeldmarschalls folgend, in Schwerinsbug weilte.

1790 ließ der Neffe des hohen Militärs, Heinrich Bogislaw Detlev von Schwerin, vom Bildhauer Johann Heinrich Dannecker (1758–1841) vor dem Schloss ein Denkmal für seinen vor Prag gefallenen Großvater errichten.[6] Die etwa lebensgroße Sandsteinstatue war seinerzeit von einem hohen schmiedeeisernen Gitterzaun umgeben, der sie vor Beschädigungen kleinerer Natur schützte. Trotz aller Nachkriegswirren hat der steinerne Feldmarschall als eines der wenigen Kunstwerke der untergegangenen Schlossanlage die DDR- und Nachwendezeit im Klostergarten des Greifswalder Stadt- und späteren Pommerschen Landesmuseums überdauert. Das altersgrau gewordene Denkmal wurde allerdings im Jahre 2006 gegen die Bronzestatue Friedrichs II. – ein Nachguss des in Stettin aufgestellt gewesenen Originals – ausgetauscht und nach Potsdam überführt.

Als der Kunsthistoriker Udo von Alvesleben im Frühjahr 1938 durch Pommern reiste und einigen bekannten und unbekannten Adelssitzen der Provinz einen Besuch abstattete, kam er auch nach Schwerinsburg. Darüber berichtet uns sein Reisetagebuch Folgendes:
„Das erhabene Denkmal großer Vorfahren verkam in den Händen der Nachkommen. Solchen Riesenpalast in eine öde, entlegene Gegend zu setzen, war allerdings eine wahnsinnige Idee und für die nachkommenden Generationen schwerste Last. Der einstige Park in der Breite des Schlosses mit Mittelallee ist anglisiert noch vorhanden, von einer kunstvoll geführten, zerbröckelnden Ziegelmauer abgeschlossen. Der ganze Eindruck ist nicht weniger phantastisch als der verfallener Königsschlösser in anderen Ländern und Erdteilen.“[7]

Was würde von Alvensleben über das „erhabene Denkmal“ im Jahre 2005 zu Papier gebracht haben, wenn er der überwucherten Steinhalde des in Schutt und Asche gelegten Herrensitzes derer von Schwerin noch persönlich begegnet wäre? Sicher käme in seinem Bericht dann der einzige noch aufrecht stehende Mauerpfeiler des südwestlichen Eckgebäudes vor, auf dem sich schon seit Jahren ein Storchenpaar häuslich niedergelassen hat. Wahrscheinlich nähme aber auch die große Siloanlage der untergegangenen LPG einen Platz in seinen Aufzeichnungen ein, da sie den gesamten Raum des Ehrenhofes und der verschwundenen Seitenflügel einnimmt. Von all den nicht mehr ganz taufrischen Herrlichkeiten aus den 1930er-Jahren ist lediglich der Park mit seiner schon damals in Auflösung begriffenen Mauer übriggeblieben. Beide Objekte sind zwar noch vor Ort präsent, doch ihr ungepflegtes Erscheinungsbild wird sich nach Lage der Dinge wohl auch in Zukunft kaum ändern. Insofern teilt Schwerinsburg das Schicksal mit dem nachbarlichen Löwitz (Geburtsstätte des Curd Christoph von Schwerin, der die Nachkriegsära überdauernde Flügel des ansonsten verlustig gegangenen „Schlosses“ wurde 1995 abgebrochen) in der nach Udo von Alvesleben so „öden und entlegenen Gegend“ des Grafenwinkels.

Als Anfang 1944 das Stettiner Staatsarchiv durch einen Bombenangriff schwer getroffen wurde, entschloss man sich, große Teile der wertvollen Akten, Pläne, Urkunden und Bibliotheksbestände ins ländliche Abseits der Provinz zu verlagern. Zu den dafür infrage gekommenen Baulichkeiten gehörte unter anderem auch das Schwerinsburger Schloss (in seinem Keller waren das Schwedische Archiv und die Akten der Staatskanzlei untergebracht) und die dortige Stellmacherei (in ihr lagerten ab Januar 1945 die Urkundensammlungen aus Pansin). Nach dem Abzug der Roten Armee aus Schwerinsburg konnte der Archivpfleger Studienrat Hermann Scheel aus Anklam – wohl Ende Mai 1945 – fast sämtliche Urkunden aus der Stellmacherei in Sicherheit bringen. Allerdings wiesen die Pargamente und Papiere nun keine Wachssiegel mehr auf, da man diese der Not gehorchend inzwischen zu Talgkerzen verarbeitet hatte. Wesentlich schwieriger gestaltete sich die durch Willi Nemitz (ehemals Magazinmeister im Staatsarchiv Stettin und ab Oktober 1946 Angestellter in der Schweriner Archivaußenstelle in Greifswald) vorgenommene Bergung des Archivgutes im Schlosskeller, da derselbe durch die oben genannte Brandkatastrophe von hohen Schuttmassen bedeckt war. Über der Hergang der Bergungsaktion berichtet uns der Protagonist Nemitz Folgendes: „Im Sommer 1947 habe ich mit drei Frauen die Trümmer von den Akten beseitigt. Hierzu benötigten wir vier Wochen. Die Bestände waren gerettet. 1948 war Schwerinsburg restlos geräumt.“[8]

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[1] Neuschäffer, Hubertus: Vorpommerns Schlösser und Herrenhäuser, Husum 1993, S. 180

[2] Sieber, Helmut: Schlösser und Herrensitze in Pommern, 3. Aufl., Frankfurt am Main 1978, S. 65f.

[3] Sieber, Helmut: Schlösser und Herrensitze in Pommern, 3. Aufl., Frankfurt am Main 1978, S. 65f. u. 190 sowie o. V.: Pommern. Ein Bildband der Heimat mit 159 Fotografien, kultur- und kunstgeschichtliche Einleitung von Klaus Granzow, Frankfurt am Main 1975, Abb. 149; die oben genannte Meterangaben wurden vom Verfasser anhand der noch vorhandenen Fundamentreste vor Ort ermittelt.

[4] Sieber, Helmut: Schlösser und Herrensitze in Pommern, 3. Aufl., Frankfurt am Main 1978, S. 65

[5] Neuschäffer, Hubertus: Vorpommerns Schlösser und Herrenhäuser, Husum 1993, S. 181

[6] Ebd., S. 181

[7] Ebd.

[8] Schleinert, Dirk: Zeitgenössische Berichte zu den Anfängen des Landesarchivs Greifswald, eine kommentierte Quellenedition, Diplomarchivar Joachim Wächter zum 90. Geburtstag, in: Baltische Studien. Pommersche Jahrbücher für Landesgeschichte, NF Bd. 102, hrsg. v. d. Gesellschaft f. Pommersche Geschichte Altertumskunde u. Kunst e. V., Kiel 2016, S. 161ff.

 

Abkürzungen:
(†) Untergegangenes Haus
(K) Kurzbeschreibung

  1. Schwerinsburg, Rest des südlichen Eckbereichs der abgängigen Schlossanlage von Westen, Juni 1995; Foto: D. Schnell
  2. Schwerinsburg, Schlossmodell aus der Vogelperspektive von Nordwesten, aus: Pommern. Ein Bildband mit 159 Fotografien, kultur- und kunstgeschichtliche Einleitung von Klaus Granzow, Frankfurt am Main 1975, Abb. 149 (derzeit nicht dargestellt)

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