Rützow (Rusowo) (†) (K)

Der Ort Rützow (Rusowo) liegt 16 Kilometer östlich von Kolberg zwischen den beiden Fernverkehrsstraßen 11 und 163. Erstmals erwähnt wird das Gemeinwesen schon sehr früh, denn bereits 1182/83 erscheint es in einer Urkunde, mittels der Herzog Bogislaw I. dem Kloster Stolpe an der Peene seine Besitzungen, darunter auch eine „villa Ruzowe“ (ein Dorf Rützow), bestätigt.[1] Erneut erscheint der Ort dann in den Jahren 1214, 1305 und 1316. 1321 fiel Rützow durch Kauf an die Ritter Heinrich Damnitz und Hermann Damnitz (Gebrüder). Diese erreichten beim Herzog, dass ihr Neuerwerb als Lehnsbesitz anerkannt wurde. 1383 verkaufte ein Nachfahre der oben genannte Brüder einen Teil Rützows an die Klosterfrauen zu Kolberg und Köslin.

In der Vasallentabelle von 1565 weist der Ort zwei Besitzanteile auf. Der eine Anteil lag in den Händen von „Jacobenn, Siuert, Jochim vnnd Pawell der Junger, Vetter und Bruder die Damitzen“ und der übrige gehörte Joachim Kameke. Ein knappes Dreivierteljahrhundert später, nämlich 1630, unterstand Michael Bonin ein Besitzstück, wogegen 1 ½ Hägerhufen von Carsten Kameke bewirtschaftet wurden. Als Folge zunehmender Erbteilungen bestanden im Ort 1666 sogar vier Anteile. Ihre Besitzer waren: Karsten von Kameke (pfandweise), Gottschalk von Damitz (pfandweise), Lucas von Damitz (pfandweise) und Christoph von Damitz d. Ä.

Im 18. Jahrhundert hatte sich an der Zersplitterung der Feldflur nichts Wesentliches geändert, denn es werden genannt: Rützow A (Besitzer 1731: der Leutnant Christian Heinrich von Damitz), Rützow B (Besitzer 1768: der Geheime Oberfinanz- und Domänenrat Friedrich Wilhelm von Gerlach), Rützow C (Besitzer 1764: der Hauptmann Friedrich Wilhelm von Damitz) und Rützow D (Besitzer 1747: der Leutnant Henning Wedig von Damitz).

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gehörte ganz Rützow, das nun wieder vereint war, einem Herrn von Damitz. Dieser veräußerte das Gut um 1800 an den Leutnant Carl Christoph von Müller, von dem es der Kolberger Kaufmann und Konsul Ernst Friedrich Samuel Schroeder (von 1807 bis 1837, hatte während der Napoleonischen Kontinentalsperre ein beträchtliches Vermögen erworben, war auch Herr auf Klaptow, Fritzow und Schötzow, wählte Rützow zum Familiensitz, seine feinsinnige Ehegattin Charlotte Sophie Henriette stammte aus Schweden) 1807 käuflich erwarb. Zu dessen Besitznachfolgern gehörten: der Leutnant Schröder (ab 1837), Emence Schröder (wohl zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, Witwe des Vorgenannten), Fritz Schröder (bis 1907, Sohn der Witwe,), die Pommersche Ansiedlungsgesellschaft (von 1907 bis wenigstens 1911, siedelte das Gut auf, legte im Ort eine bäuerliche Mustersiedlung an), der Berliner Kaufmann Lichtenberg (bis Anfang der 1930er-Jahre, besaß den 131 Hektar großen Resthof), der oben genannte Fritz Schröder (ab Anfang der 1930er-Jahre, der Resthof nun 135 Hektar groß, Pächter der Besitzung war Gerhard Knoop) und die Witwe Schröder (bis 1945).[2]

Im Jahre 1911 verfügte das 830 Hektar umfassende Rittergut über folgende Nutzungsflächen: 610 Hektar Acker und Gärten, 140 Hektar Wiesen und 80 Hektar Holzungen. Außerdem gebot der landwirtschaftliche Großbetrieb über nachstehenden Viehbesatz: 70 Pferde, 300 Stück Rindvieh, 800 Schafe und 150 Schweine.[3]

Das Rützower Herrenhaus war von U-förmiger Gestalt. Es bestand aus dem Hauptgebäude (Streichrichtung Südwest–Nordost, ca. 50 × 15 Meter, eingeschossig, an Garten- beziehungsweise Nordwestseite Rundbogenfenster und kleine Terrasse) und zwei hofseitigen Flügeln von etwa 20 Metern Länge (wohl auch eingeschossig). Bauherr war nach 1807 der Konsul Ernst F. S. Schroeder.[4] Das klassizistische Gebäude wurde nach dem Krieg geplündert und später abgerissen.[5] Geblieben ist eine strauchbewachsene Schutthalde, mittels der sich die einstigen Abmaße des untergegangenen Hauses noch notdürftig ermitteln lassen.

Über die unmittelbaren Auswirkungen der Besetzung des Ortes durch die Rote Armee Anfang März 1945 berichtet uns der aus Kolberg stammende Augenzeuge Rudolf Gust unter anderem Folgendes: „Die Familiengruft der früheren Besitzerfamilie Schröder ist erbrochen, die Tür weit geöffnet. In der Nähe liegt ein kurzes braunes trockenes Gebilde, die Mumie von einem verstorbenen Schröder. Ich betrete die Gruft und schrecke zurück. Hier liegen, durch blutgetränkte Laken oberflächlich verhüllt, kreuz und quer wie die Kloben auf einem Holzhof, die Leichen von dem (letzten) Enkel des letzten Schröder, die seiner Mutter und einer nahen Verwandten, die bei dem Nahen der Russen den Entschluss fassten, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, und von dem Enkel des letzten Schröder (Burckhardt Grabow mit Namen) darauf erschossen wurden […] Später veranlasste ein junger fanatischer polnischer Bürgermeister von Rützow, dass die Leichen wie Tierkadaver vergraben wurden […] Auch die alte Begräbnisstätte eines Stael von Holstein war von Beutesuchern tief ausgehoben […]“ Und weiter lesen wir: „Vom Wirtschaftshof gelangte man in die Diele des Gutshauses. Links von dieser lag das Bibliothekszimmer. Der eine große Bücherschrank, den man wohl nicht hinausschaffen konnte, enthält noch eine ganze Anzahl geschmackvoll gebundener Bücher aus allen Gebieten: Politik, schöngeistige Literatur, Klassiker, Romantiker […] auch englisches Schrifttum ist zu finden, Gladstone, Disraeli (später Lord Beaconsfield genannt), Charles Dickens und das bekannte Buch von Carlyle: Friedrich der Große […] Ich durchschreite die ganzen Räume, alles öde und leer, auch der große Gartensaal. Von der Rampe vor dem Gartensaal hat man einen schönen Blick auf die weiten Rasenflächen und den alten Baumbestand. Ich gehe an die Südseite des Hauses und stehe vor einem großen Haufen von zerschlagenen Möbeln, wohl hundert verschiedene Stücke […] Auch wertvolle Ölgemälde von englischen Schlössern inmitten eines weiten Wald- und Wiesengeländes liegen dazwischen […] alles Bruch, alles Schrott, Kleinholz, das zu Küchenholz zerschlagen und verbrannt wurde. Eine Kulturschande!“[6]

Der Rützower Park (angeblich 36 Hektar) wurde auf Betreiben der hier bereits erwähnte Charlotte Sophie Henriette Schröder unter Federführung des bekannten Potsdamer Gartenarchitekten Peter Joseph Lenné um 1830 angelegt.[7] In Anbetracht der Parkgestaltung und -bebauung ist wohl davon auszugehen, dass der westliche Teil der Rützower Seewiesen (also das flache Gelände zwischen dem Buchenhügel und dem Gutshof), der ohne Zweifel als Rasenparterre zur Anlage gehörte, schon vor der Seeablassung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trocken lag.[8] Die oben angesprochene Bebauung bestand neben dem schon erwähnten Herrenhaus noch aus dem Pavillon oder griechischen Tempel (stand ca. 500 Meter nordwestlich der Kirche auf dem in die Parkanlage miteinbezogenen Buchenhügel, bis auf spärliche Steinreste nichts erhalten), der neogotischen Ritterburg (stockt in rudimentärer Form 350 Meter östlich der Kirche, besteht aus Ringgraben und Burghügel – ca. 22 × 15 Meter – und einem ehemals oktogonalen backsteinsichtigen Turm von ca. acht Metern Durchmesser und mindestens drei Geschossen, dieser bis auf ein schmales hohes Teilstück zerstört) und dem Gewächshaus (stand 330 Meter nördlich der Kirche in der Nähe des dortigen Teiches, ist abgängig, seinen ehemaligen Standort bedeckt ein Schuttberg).

Von den einstmals zwei Fischteichen im Park mit ihren auf Postamenten positionierten Denkmälern Neptun und Fischreiher hat heute (April 2014) nur noch der gewächshausnahe Teich die Zeiten überdauert. Allerdings ist die ihn einst zierende Neptunstatue mit Ausnahme ihres Standortsockels nur noch auf historischen Abbildungen präsent.[9]

Leider ist die große und einst bedeutende Parkanlage, in der uns mehrere Aufsteller wichtige Information über Fauna und Flora vermitteln, in weiten Teilen verwildert. Dies trifft insbesondere für das Niederungsgebiet (heute anstehende Nass-, Gebüsch- und Schilfflächen), dem einstigen Rasenparterre zwischen dem Buchenhügel und der westseitigen Parkhälfte zu. Durch die dortige Vernässung sind die vormaligen Parkwege Herrenhaus–Pavillon und Burgberg–Pavillon, falls man sie im Schilfdickicht überhaupt noch ausmachen kann, nur mit Gummistiefeln passierbar.

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[1] Vollack, Manfred: Das Kolberger Land. Seine Städte und Dörfer, bearb. u. hrsg. i. Auftr. d. Heimatkreises Kolberg-Körlin, Husum 1999, S. 583

[2] Ebd., S. 583ff.; siehe auch Niekammer’s Landwirtschaftliches Güter-Adreßbücher, Bd. 3, Reihe 1: Pommern, Leipzig 1911, und Bd. 9, Reihe 1: Pommern, Leipzig 1939, sowie o. A.: Informationstafel am Rützower Parkrand, in Augenschein genommen am 1. April 2014

[3] Niekammer’s Landwirtschaftliches Güter-Adreßbücher, Bd. 3, Reihe 1: Pommern, Leipzig 1911

[4] Vollack, Manfred: Das Kolberger Land. Seine Städte und Dörfer, bearb. u. hrsg. i. Auftr. d. Heimatkreises Kolberg-Körlin, Husum 1999, S. 584, sowie o. A.: Informationstafel am Rützower Parkrand, in Augenschein genommen am 1. April 2014

[5] o. A.: Informationstafel am Rützower Parkrand, in Augenschein genommen am 1.4.2014

[6] Vollack, Manfred: Das Kolberger Land. Seine Städte und Dörfer, bearb. u. hrsg. i. Auftr. d. Heimatkreises Kolberg-Körlin, Husum 1999, S. 584f.

[7] o. A.: Informationstafel am Rützower Parkrand, in Augenschein genommen am 1.4.2014

[8] Vollack, Manfred: Das Kolberger Land. Seine Städte und Dörfer, bearb. u. hrsg. i. Auftr. d. Heimatkreises Kolberg-Körlin, Husum 1999, S. 577

[9] o. A.: Informationstafel am Rützower Parkrand, in Augenschein genommen am 1.4.2014

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Abkürzungen:
(†) Untergegangenes Haus
(K) Kurzbeschreibung

  1. Rützow (Rusowo), Herrenhaus, Nordwestseite, Zeichnung auf der Informationstafel am Rützower Park; Foto: D. Schnell, April 2014
  2. Rützow (Rusowo), desolate Freitreppe des abgängigen Herrenhauses von Westen; Foto: D. Schnell, April 2014
  3. Rützow (Rusowo), Rest des neogotischen Burgturms auf neuzeitlichem Burghügel im Südostteil des Lenné-Parks; Foto: D. Schnell, April 2014
  4. Rützow (Rusowo), Rest des neogotischen Burgturms auf neuzeitlichem Burghügel im Südostteil des Lenné-Parks; Foto: D. Schnell, April 2014
  5. Rützow (Rusowo), Reststeine des abgängigen Pavillons auf dem Buchenhügel im Lenné-Park; Foto: D. Schnell, April 2014
  6. Rützow (Rusowo), starke Platane von 6,2 Metern Umfang im Lenné-Park; Foto: D. Schnell, April 2014

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