Kremzow (Krępzewo) (†) (K)

Im Kreis Pyritz lag zehn Kilometer südöstlich von Stargard das schlossartige Herrenhaus Kremzow (Krępzewo). Zu dessen Vorgängergebäuden gehörte im späten Mittelalter eine Burg, deren Standort noch heute an der nahen Ihna (ein Kilometer nördlich des Ortes gelegen) präsent ist. Die im 13. Jahrhundert aufgeführte Anlage war das Stammhaus der im südlichen Pommern ansässigen Familie von Wedel. Auf der Feste verliehen am „9.9.1310 die Markgrafen Waldemar und Johann […] der Siedlung Stolp das lübische Stadtrecht“.[1] Im 16. Jahrhundert gaben die von Wedel jedoch ihre Niederungsburg auf und nahmen in Kremzow Quartier, und zwar mit drei Vertretern ihrer weitverzweigten Sippe. Später wurden deren Hufenanteile zu einem Gut vereint, das im Laufe der nächsten Jahrzehnte um die Besitzungen Blumberg, Brallenthin, Krüssow, Gerzlow, Repplin, Schöneberg, Zernikow mit Pinnow und zeitweise Sandow erweitert wurde.[2]

Herr des Ganzen war um 1770 Lupold Christoph von Wedel (1722–1803), von dem die Wedel'sche Familienchronik berichtet, dass er aufgrund seiner roten Johanniter-Uniform der Rote Großvater genannt wurde. Über ihn lesen wir bei Hubertus Neuschäffer Folgendes: „Der sogenannte Rote Großvater war legendär in der Gegend, und man erzählt sich die Geschichte, dass er einst mit seinem Viererzug dem sich im Manöver befindlichen Friedrich dem Großen begegnete. Er erkannte den König nicht, doch man fand Gefallen aneinander, und schließlich fragte der Alte Fritz: ,Wer ist er denn?‘ Darauf die Antwort des Roten Großvaters: ,Ich? Ich bin der reiche Wedel aus Kremzow. Wer ist er denn?‘ Der König: ,Ich bin der arme Fritz aus Potsdam.‘“[3]

Die nächsten Besitzer Kremzows waren unter anderem Lupold Wilhelm Eberhard von Wedel (der sogenannte Blaue Großvater, 1771–1839) und der Major a. D. Kurt von Wedel (1875–1945), der als letzter deutscher Eigentümer der umfangreichen Begüterung (1144 Hektar) 1945 auf der Flucht verstarb.[4]

Die oben genannte Wehranlage an der Ihna soll ursprünglich aus Haupt- und Vorburg bestanden haben, wobei von Letzterer nichts mehr auf uns überkommen ist. Dafür zeichnet sich der von einem jetzt trockengefallenen Wassergraben (15 Meter breit) umschlossene Burghügel (Plateau 35 × 30 Meter, sechs bis sieben Meter hoch) der Hauptburg umso deutlicher im flachen Wiesengelände ab. Auf dem rechteckigen Hügel haben sich die spärlichen Reste des westlichen Eckturms und ein Stück Außenmauer (2 Meter stark, aus Quadersteinen aufgeführt) erhalten. Außerdem deutet ein kleiner Schuttberg an der Südecke des Plateaus darauf hin, dass sich dort vormals ein Gebäude befand. Den örtlichen Mauerrelikten zufolge war die Kremzower Hauptburg trotz ihrer relativ geringen Flächengröße von ca. 35 × 30 Metern im Spätmittelalter ein fast unüberwindbares Hindernis für jeden Angreifer. Anlagen dieses kastellartigen Burgentyps aus der Kolonisationszeit Pommerns trifft man vor allem im westlichen Hinterpommern und in der Neumark an. Zu ihren bekanntesten Vertretern gehören beziehungsweise gehörten unter anderem: Arnhausen (Lipie), Böck A (Buk), Bublitz (Bobolice), Daber (Dobra), Gülzow (Golczew), Neuwedell (Drawno), Matzdorf (Maciejewo), Plathe (Płoty), Uchtdorf (Krzywnica), Wildenbruch (Swobnica) und Wurchow (Wierzchowo).

Das Schloss derer von Wedel entstand in drei Bauperioden. In der ersten Phase errichtete man etwa um 1700 den späteren Südflügel der T-förmigen Gesamtanlage (Flügel: Barockbau in Nord-Süd-Ausrichtung, zweigeschossig, Satteldach mit Fledermausgauben, von 1820 bis 1945 sechs Achsen, davor neun Achsen, an südlicher Schmalseite fast hausbreiter dreigeschossiger Rechteckturm, Turm aus dem 19. Jahrhundert mit durchbrochener Glockenhaube und hochaufragender Windfahnenstange).[5] An diesen Flügel fügte Lupold Christoph von Wedel in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zwei Trakte an (zweite Phase), und zwar in Längsrichtung des alten Gebäudes, sodass sie über dessen nördliche Schmalseite hinausreichten und einen verhältnismäßig engen und schattigen Ehrenhof bildeten. Von 1817 bis 1820 ließ Lupold Wilhelm von Wedel die von seinem Vater errichteten Trakte abreißen und „setzte sie im rechten Winkel an den Giebel des ursprünglichen Baues, sodass mit dessen Schmalseiten (muss Schmalseite heißen, der Verf.) zusammen die neue und letzte Front entstand“ (dritte Phase; klassizistischer Putzbau von T-förmigem Grundriss; „letzte Front“ beziehungsweise Hof- oder Nordseite des Hauptgebäudes dreigeschossig, Gegenseite zur Rechten und Linken des Flügels zweigeschossig, Hauptgebäude: 16 Achsen, Erdgeschoss gequadert, zentraler Bereich mit Pilastergliederung, im zweiten Obergeschoss über hofseitigem Portal großes Lünettenfenster, Walmdach mit Fledermausgauben).[6]

So wie noch heute im mecklenburgischen Remplin anzutreffen, gab es auch in Kremzow ca. 80 Meter vor dem Hauptportal des Schlosses einen Torturm. Der in klassizistischer Bauweise ausgeführt gewesene Turm verfügte über drei Geschosse, wobei das untere die beiden oberen an Breite und Tiefe übertraf.[7]

Nach der Einnahme des Ortes durch die Rote Armee im Februar 1945 wurde der Südflügel zerstört und der Haupttrakt – 1958 noch im Erdgeschoss bewohnt – fiel später, da desolat und ruinös, der Spitzhacke zum Opfer.[8] In ähnlicher Weise verfuhr man sicher auch mit dem Torturm, sodass gegenwärtig (2006) von beiden Gebäuden mit Ausnahme eines lang gezogenen Schuttberges (bedeckt den Standort der untergegangenen Schlossanlage) nichts mehr auf uns überkommen ist.

Nachdem sich die meisten Einwohner des Dorfes Anfang Februar 1945 vor der herannahenden Front auf die Flucht begeben hatten, waren einige derselben bis Mitte Mai zwar wieder zurückgekehrt, wurden aber wie alle übrigen noch daheimgebliebenen Kremzower später auf Weisung der polnischen Verwaltung aus ihrem Heimatort in Richtung der alliierten Besatzungszonen Deutschlands ausgewiesen.

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[1] Heiseler, Franz: Aus der Geschichte von Pollnow, in: Der Kreis Schlawe. Ein pommersches Heimatbuch, 2. Band – die Städte und Landgemeinden, hrsg. i. Auftr. d. Heimatkreises Schlawe v. M. Vollack unter Mitarbeit v. Ernst H. v. Michaelis und vielen Landsleuten aus dem Kreis Schlawe, Husum 1989, S. 677

[2] Sieber, Helmut: Schlösser und Herrensitze in Pommern, 3. Aufl., Frankfurt am Main 1978, S. 83f.

[3] Neuschäffer, Hubertus: Schlösser und Herrenhäuser in Hinterpommern, Leer 1994, S. 142

[4] Ebd., S. 84

[5] Bierca, Andrzej; Gwiazdowska, Ewa; Kalita-Skwirzyńska, Kasimiera; Kulesza-Szerniewicz, Olga; Maćków, Natalia; Majewski, Marcin; Markiewicz, Urszula; Rymar, Edward; Słowiński, Słowomir; Witek, Waldemar: Katalog Zabytków Powiatu Stargardzkigo, TOM I, Muzeum Stargard, Stargard 2010, S. 766 (obere Abb.)

[6] Sieber, Helmut: Schlösser und Herrensitze in Pommern, 3. Aufl., Frankfurt am Main 1978, S. 84 u. 205; siehe auch Bierca, Andrzej; Gwiazdowska, Ewa; Kalita-Skwirzyńska, Kasimiera; Kulesza-Szerniewicz, Olga; Maćków, Natalia; Majewski, Marcin; Markiewicz, Urszula; Rymar, Edward; Słowiński, Słowomir; Witek, Waldemar: Katalog Zabytków Powiatu Stargardzkigo, TOM I, Muzeum Stargard, Stargard 2010, S. (766 obere Abb.)

[7] Sieber, Helmut: Schlösser und Herrensitze in Pommern, 3. Aufl., Frankfurt am Main 1978, S. 205

[8] Ebd., S. 85

 

 

Abkürzungen:
(†) Untergegangenes Haus
(K) Kurzbeschreibung

  1. Kremzow (Krępcewo), Turmfragment der Burgruine am südlichen Ihnaufer; Foto: D. Schnell, März 2006
  2. Kremzow (Krępcewo), Schloss, Hof- bzw. Nordostseite (um 1860), Lithographie aus: A. Duncker: Die ländichen Wohnsitze, Schlösser und Residenzen der ritterschaftlichen Grundbesitzer in der preußischen Monarchie nebst den königlichen Familien-, Haus-, Fideicommiss und Schatullgütern …, 1857–1883, enth. in: Wedel-Schwerin, K. v.: Aus dem bewegten Leben einer pommerschen Landfrau: Henriette von Pfuel, geb. von Wedel, aus Schwerin, in: Pommern, Zeitschrift für Kultur und Geschichte, 49. Jg. (2011), Heft 1, S. 20

 

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