Bütow (Bytów)
Im östlichen Hinterpommern liegt die auch heute noch recht ansehnliche Kleinstadt Bütow (Bytów) mit der gleichnamigen Burg des Deutschen Ritterordens. Das Land Bütow gehörte seit dem 13. Jahrhundert zum Herzogtum Pommerellen, von 1309 bis 1317 zur Mark Bandenburg und danach hatte es Herzog Wartislaw IV. von Pommern-Wolgast in Besitz. Dieser schenkte es 1321 seinem Marschall und Kanzler Henning Behr. Die Söhne des Kanzlers verkauften das väterliche Erbe jedoch 1329 an den Deutschen Orden,[1] dessen späterer Hochmeister Konrad von Jungingen den Pfleger der Stadt Bütow, Jakob von Reinach, mit dem Bau der Burg beauftragte. Deren Errichtung währte von 1399 bis 1406,[2] womit sie die jüngste der in Pommern liegenden Ordensburgen ist.
Nach der für Polen siegreichen Schlacht von Tannenberg (1410) sah sich der unterlegene Orden gezwungen, das Land Bütow nebst Burg an den Sieger abzutreten. Dieser belehnte seinen Bundesgenossen, den Herzog Bogislaw VIII. von Pommern-Stolp, mit dem erbeuteten Land, doch schon ein Jahr später erlangte der Orden seinen vormaligen Besitz wieder zurück. 1433 standen die Hussiten vor den Burgmauern, um sie im Sturm zu nehmen. Da sich die Veste aber erfolgreich zur Wehr setzte, suchten die Angreifer nach einigen vergeblichen Attacken das Weite. Infolge des dreizehnjährigen Krieges zwischen Polen und dem Orden (1453–1466) fiel Bütow 1455 an Erich II. von Pommern. Unter Bogislaw X. (1454–1523), Erichs Sohn, musste Polen die Lande Lauenburg und Bütow 1490 als pommerschen Pfandbesitz anerkennen, der 1526 in ein freies Lehen umgewandelt wurde. Nach dem Erlöschen des Greifengeschlechts 1637 gelangten beide Grenzgebiete erneut an die Jagiellonen, von denen sie 20 Jahre später als erbliches Lehen in den Besitz des Hauses Hohenzollern übergingen. Schließlich schaffte es Brandenburg-Preußen im Warschauer Vertrag von 1773, Lauenburg und Bütow auch eigentumsrechtlich zu erwerben.[3] Gemäß den Bestimmungen des Potsdamer Abkommens vom 2. August 1945 fiel Bütow an Polen. Im Zuge der polnischen Inbesitznahme aller Häuser und Höfe wurden die deutschen Einwohner ausgewiesen.
Die Burg – wahrscheinlich nach Vorgaben des bekannten Ordensbaumeisters Niclas Fellensteyn als Pflegersitz aufgeführt – liegt unmittelbar an der Südostseite der nie befestigt gewesenen Altstadt auf einem Landsporn, der zu einem 115 × 115 Meter messenden Plateau mit steil abfallenden Böschungen (ähnlich wie der Schlossstandort in Gadebusch in Mecklenburg) begradigt wurde. Möglicherweise hat an der Stelle, eher jedoch auf dem sogenannten Schlossberg (südwestlich der Altstadt gelegen, heute Standort der 1637 errichteten Bergkirche St. Georg), bereits ein „Castrum“ des oben genannten Kanzlers Henning Behr gestanden, das nach einigen Dezennien dem anfangs erwähnten Neubau weichen musste.[4] Es ist zudem nicht ausgeschlossen, dass in diesem „Castrum“ der 1355 erwähnte Hauskomtur zu Bütow, Nicolaus von Franz, seinen Sitz hatte.[5] Ehemals besaßen alle vier Eckbereiche des Neubauplateaus Erdbastionen (von ursprünglicher Grabensohle bis zur Oberkante der Bastion etwa zehn Meter Gefälle) und dazwischen schützten brusthohe Wälle das Burgareal. Leider sind von den Erdwerken nur das südöstliche und das südwestliche Exemplar erhalten geblieben. Die Abmaße der rechteckigen Burg betragen in der Länge 72,50 Meter und in der Breite sind es 52,50 Meter.[6] Rechnet man die aus der Mauerfluchtlinie hervortretenden Eckturmhälften (je Exemplar ca. 4,5 Meter) noch zu den Seitenlängen hinzu, so erhöhen sich diese sogar auf 81,5 beziehungsweise 61,5 Meter. Im Hinblick auf ihre räumliche Ausdehnung wird Bütow gegenwärtig von keiner anderen Burg auf pommerschem Boden übertroffen. Zur Zeit Bogislaws X. spricht freilich vieles dafür, dass sie flächenmäßig nicht ganz so groß war wie die Veste des Johanniterordens in Wildenbruch (Haupt- und Vorburg) und auch die untergegangenen „Burgen“ Naugard und Quarkenburg/Friedrichsberg besaßen einen etwas größeren Flächenumfang. Unübertroffen war und ist dagegen ihr wehrhaftes Äußeres. Dafür verantwortlich zeichnen in erster Linie ihre vier massigen Ecktürme. Es sind dies (mit dem ersten Exemplar zur linken Hand des Torbauwerks beginnend): der Ackerhofturm, der Roßgartenturm, der Mühlenturm (deren fünfgeschossige Schäfte von neun Metern Durchmesser mit rundem Querschnitt) und der sechsgeschossige quadratische Belfried. Das letztgenannte Turmmassiv an der Nordecke wurde 1656 von den Schweden gesprengt.[7] Sein vollständiger Wiederaufbau erfolge erst über 300 Jahre später in polnischer Zeit. Auffallend ist der am Ackerhofturm angebrachte Wappen- und Fahnenfries. Dieses schon etwas verblasste Kunstwerk stellt eine für Ordensburgen typische Außenwandzier dar. Zu den ursprünglichen Baulichkeiten der Burg gehören die Umfassungsmauer (2,6 Meter stark, besteht im unteren Bereich aus Findlingen), die bereits genannten vier Türme, das an der Nordwestseite gelegene Ordenshaus (dreigeschossig) und eventuell das Torhaus (1559 als „Turm über dem Tore“ erwähnt) an der Nordostseite. Außerdem besaß die Burg in Nähe der Gegenseite zwischen Roßgarten- und Mühlenturm einen runden Danzker (den ca. 14 Meter betragenden Abstand zwischen Danzker und Wehrgang überspannte eine massive Hochbrücke), von dem sich am Böschungsfuß noch einige Fundamentreste nachweisen lassen.[8] 1538 wurde unter Herzog Barnim XI. von Pommern-Stettin Bartholomäus Suawe als Hauptmann des Landes Bütow eingesetzt. Seine „Residenz“ war die hier in Rede stehende Burg, deren Waffenarsenal zu der Zeit folgenden Umfang aufwies: „13 Doppelhaken, 18 halbe Haken, 9 ,Knipkarnen’, 3 Falkonette und an Munition 2 Tonnen Salpeter und 7 Pulvertonnen.“[9] Zu Beginn der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts brach man einige Fachwerkgebäude auf dem Innenhof ab und ersetzte sie von 1570 bis 1623 durch nachstehende Neubauten: an der Südostmauer das Herzogshaus (dreigeschossig, mit Treppenturm), an der Südwestmauer das Kanzleigebäude (stand bis auf den rückwärtigen Maueranschluss in separater Lage, ebenfalls mit Treppenturm, heute nicht mehr existent) und an der Nordostmauer zwischen Tor und Ordenshaus das herzogliche Witwenhaus (dreigeschossig).[10] Diese Gebäude lehnen beziehungsweise lehnten sich unmittelbar an die Umfassungsmauer an. Sie sind bzw. waren daher an den Außenseiten nur im obersten Geschoss mit Fenstern versehen. Zu den weiteren Baumaßnahmen der Herzöge zählten außerdem: die neue Vorbrücke (1559 errichtet, überspannte etwa 60 Meter vor dem alten Torhaus den äußeren Burggraben), das nordöstlich der Brücke gelegene Vorwerk (ein vierflügeliges Gebäude mit Innenhof), das vordere Torhaus (vor 1559 am Südwestende der Brücke aufgeführt, 21,9 × 8,75 Meter, Gewölbekeller, dreigeschossig) und die Oberbrücke (über den ca. sechs Meter breiten Hausgraben führend, 1559 neu erbaut, lag in der Nähe des alten Torhauses).[11]
1629 gerieten Burg und Stadt in das Schussfeld der kaiserlichen Truppen. Die dabei entstandenen Schäden konnten jedoch bald wieder behoben werden.
Unter den Greifen war die Burg Sitz des herzoglichen Hauptmanns, der die Verwaltung des Landes Bütow zu leiten hatte. Darüber hinaus beherbergten ihre Mauern von 1623 bis 1635 die Witwe des 1620 verstorbenen Herzogs Franz, Sophia geb. von Sachsen. An dem neu erbauten Witwenhaus der hochgestellten Dame war eine Steintafel mit folgender Inschrift angebracht:
„AO. MDCXXIII.
ILLVST(rissi)MUS. DVX. POMERANIAE
BVGISLAVS. XIV. EXSTRVI.
MANDAVIT
SVB PETRO GLASENAP
CAPIRAN(eo)
MARTINO MAESEN QUAESTORE“[12]
Erwähnenswert sind zudem das vor 1686 errichtete Justizgebäude auf dem Innenhof (an der Nordostmauer zwischen Tor und Herzogshaus anstelle des vormaligen Marstalls aufgeführt, 1854–1858 Umbau zum Gefängnis) und das backsteinsichtige Amtsgerichtsgebäude auf dem Vorhof (1890 ins rechte Lot gebracht). [13]
Von polnischen Denkmalpflegern wurde die umfangreiche Anlage in vorbildlicher Weise rekonstruiert und ausgebaut. Heute beherbergt das alte Ordenshaus ein Regionalmuseum, im Torflügel ist neben anderen kulturellen Einrichtungen die Stadtbibliothek untergebracht und der Südostflügel (Herzogshaus) wird als Hotel, Gaststätte und Jugendherberge genutzt. Nicht mehr vorhanden ist das herzogliche Kanzleigebäude an der Südwestmauer. Es wurde bereits 1751 wegen Baufälligkeit abgetragen.
Wer als Tourist im ausgebauten Dachboden der Jugendherberge Quartier nehmen möchte, der kann sich sowohl für ein Bett in normaler Standortlage als auch für eine Liege auf der über zwei Meter breiten Burgmauerkrone entscheiden. Nicht minder romantisch präsentieren sich im Erdgeschoss die Deckengewölbe der Gaststätte mit ihren weiß getünchten Stichkappen.
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[1] Sieber, Helmut: Schlösser und Herrensitze in Pommern, 3. Aufl., Frankfurt am Main 1978, S. 149
[2] Lemcke, Hugo (Bearb.): Die Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Köslin, hrsg. im Auftrag der Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde, Band II, Heft 2, der gesamten Reihe V. Heft: Die Kreise Bütow und Lauenburg, Stettin 1911, S. 156f.
[3] Hinz, Johannes: Pommern-Lexikon für alle, die Pommern lieben, Würzburg 1994, S. 67f.
[4] Bronisch, Bernd; Ohle, Walter; Teichmüller, Hans (Bearb.): Die Kunst- und Kulturdenkmäler der Provinz Pommern. Kreis Bütow, hrsg. von Provinzialverband von Pommern, bearb. unter Mitwirkung von Hans Jürgen Eggers, Franz Engel, Reinhold Trautmann und Erich Winguth, 2. Aufl., Stettin 1939, S. 42
[5] Ebd., S. 271
[6] Lemcke, Hugo (Bearb.): Die Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Köslin, hrsg. im Auftrag der Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde, Band II, Heft 2, der gesamten Reihe V. Heft: Die Kreise Bütow und Lauenburg, Stettin 1911, S. 184
[7] Bronisch, Bernd; Ohle, Walter; Teichmüller, Hans (Bearb.): Die Kunst- und Kulturdenkmäler der Provinz Pommern. Kreis Bütow, hrsg. von Provinzialverband von Pommern, bearb. unter Mitwirkung von Hans Jürgen Eggers, Franz Engel, Reinhold Trautmann und Erich Winguth, 2. Aufl., Stettin 1939, S. 139
[8] Lemcke, Hugo (Bearb.): Die Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Köslin, hrsg. im Auftrag der Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde, Band II, Heft 2, der gesamten Reihe V. Heft: Die Kreise Bütow und Lauenburg, Stettin 1911, S. 169f.
[9] Ebd., S. 200
[10] Bronisch, Bernd; Ohle, Walter; Teichmüller, Hans (Bearb.): Die Kunst- und Kulturdenkmäler der Provinz Pommern. Kreis Bütow, hrsg. von Provinzialverband von Pommern, bearb. unter Mitwirkung von Hans Jürgen Eggers, Franz Engel, Reinhold Trautmann und Erich Winguth, 2. Aufl., Stettin 1939, S. 146
[11] Ebd., S. 150f.
[12] Lemcke, Hugo (Bearb.): Die Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Köslin, hrsg. im Auftrag der Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde, Band II, Heft 2, der gesamten Reihe V. Heft: Die Kreise Bütow und Lauenburg, Stettin 1911, S. 160f.
[13] Bronisch, Bernd; Ohle, Walter; Teichmüller, Hans (Bearb.): Die Kunst- und Kulturdenkmäler der Provinz Pommern. Kreis Bütow, hrsg. von Provinzialverband von Pommern, bearb. unter Mitwirkung von Hans Jürgen Eggers, Franz Engel, Reinhold Trautmann und Erich Winguth, 2. Aufl., Stettin 1939, S. 147 u. 171
- Bütow (Bytow), Burg, Detail der Nordostseite mit nördlichem Eckturm von Osten, Juni 2003; Foto: D. Schnell
- Bütow (Bytow), Burg, Südostflügel, Hofseite mit Mittelrisalit, Juni 2002; Foto: D. Schnell
- Bütow (Bytow), Burg, Übersichtsplan, aus: Die Kunst- und Kulturdenkmäler der Provinz Pommern, hrsg. vom Provinzialverband von Pommern, Kreis Bütow, bearbeitet von Bernd Bronisch, Walter Ohle und Hans Teichmüller unter Mitwirkung von Hans Jürgen Eggers, Franz Engel, Reinhold Trautmann und Erich Winguth, 2. Aufl., Stettin 1939, S. 139, Repro: Verf. Mai 2014; Foto: D. Schnell
- Bütow (Bytow), Burg von Osten, März 2015; Foto: D. Schnell
