Boltenhagen

Der Ort Boltenhagen, von dem hier die Rede ist, liegt sechs Kilometer südöstlich von Grimmen. Außerdem existieren in Pommern noch drei weitere gleichnamige Gemeinwesen. Es sind dies: Boltenhagen bei Greifswald (ehemals Akademisch-Boltenhagen), Neu Boltenhagen bei Wolgast (ehemals Adlig-Boltenhagen) und Boltenhagen bei Schivelbein (heute polnisch Bełtno). Der bei Grimmen gelegene Ort bestand bis 1945 aus den Gütern Adlig-Boltenhagen und Allodial-Boltenhagen. Ein adliges Gut unterlag häufig einer bestimmten Erbfolge, wie sie nicht selten in Form von Familienstiftungen (Fideikommiss) festgeschrieben worden war, wogegen es sich bei einem Allod um einen Grundbesitz handelte, über den der jeweilige Eigentümer frei verfügen konnte.

Es ist wohl davon auszugehen, dass Boltenhagen schon während der deutschen Ostkolonisation von einem Lokator Bolt gegründet wurde. Allerdings geben die Quellen darüber keine Auskunft. Auch ist nicht bekannt, wann der Ort in die Güter Adlig-Boltenhagen und Allodial-Boltenhagen, das hier vor allem Gegenstand unserer Betrachtungen sein soll, geteilt wurde.

Im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts war Boltenhagen ein Lehen der Familie von Schmalensee (stammten aus dem gleichnamigen Ort in Holstein).[1] Zu ihren späteren Besitznachfolgern gehörten unter anderem:

  • die von Behr (werden 1802 genannt),
  • Freiherr Fritz von der Lancken-Wakenitz (wird 1862 erwähnt, war Besitzer des Fideikommisses Klevenow zu dem Allodial-Boltenhagen damals gehörte), [2]
  • Franz Briest (tritt 1911 in Erscheinung, besaß Allodial-Boltenhagen)
  • und Hans Briest (wird 1939 namhaft gemacht, Besitz wie gehabt).[3]

Im Jahre 1939 verfügte das 216 Hektar umfassende Gut Allodial-Boltenhagen über folgende Nutzungsflächen: 169 Hektar Acker und Gärten, 3,5 Hektar Wiesen, 27 Hektar Weiden und 12,5 Hektar Holzungen. Außerdem hatte es nachstehenden Viehbesatz eingestallt: 30 Pferde, 88 Stück Rindvieh und 126 Schafe.[4]

In der DDR-Zeit wurde auch in Boltenhagen eine recht große landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) gegründet (umfasste beide aufgesiedelten Güter), die 13 Jahre lang unter der Leitung des Agraringenieurs Karl Krüger stand.

Das Allodial-Boltenhäger Herrenhaus besteht aus insgesamt drei roten ziegelsichtigen Trakten. Der Mitteltrakt (Streichrichtung Südwest–Nordost, neun Achsen, ca. 23 × 13 Meter, Erd- und hohes Drempelgeschoss, flaches Satteldach) wurde um 1850 errichtet. Über den hochrechteckigen Erdgeschoss-Fenstern befinden sich gekoppelte und abgewinkelte Traufleisten unterhalb eines gliedernden Gesimses.  

Der um 1870 ausgeführte Nordosttrakt (ca. 13 × 13 Meter, unterkellert, Südost- und Nordostseite mit Lisenen gegliedert und fünfachsig) verfügt über zwei Vollgeschosse, ein flaches Zeltdach und ist gegenüber dem Mitteltrakt um 1,5 Meter nach Südosten versetzt. Die Fenster des Erdgeschosses an der Hoffront sind rundbogig, die des Obergeschosses segmentbogenförmig und mit entsprechenden Bekrönungen ausgestattet. Im Zentrum der Hoffront befinden sich auf der mittleren Achse zwei übereinanderliegende Wandnischen, in denen je eine weibliche Gewandfigur steht (die untere war zum Zeitpunkt der Betrachtung 2014 beschädigt und daher durch eine Plane verhüllt).   Die Fassade des Nordosttraktes wird durch waagerechte gelbe Ziegelbänder gegliedert und aufgelockert. Erd- und Obergeschoss werden durch eine Rollschicht aus alternierend roten und gelben Ziegeln optisch getrennt. Die Gebälkzone wird durch einen Zahnschnitt, eine pointierte Frieszone und ein reduziertes Kranzgesims mit gelben Ziegeln akzentuiert.

Der Südwesttrakt wiederum (ca. 14 × 11 Meter, sechs Achsen, eingeschossig, flaches Zeltdach) wurde wahrscheinlich am Ende des 19. Jahrhundert angebaut. Damit weisen die mehr oder weniger auf einer Fluchtlinie liegenden Trakte insgesamt eine Länge von etwa 50 Metern auf.[5]

Noch vorhanden ist überdies das Herrenhaus von Adlig-Boltenhagen (im Norden der Ortschaft gelegen). Über seine Beschaffenheit lesen wir bei Renate de Veer folgendes: „Gutshaus (ca. 35 × 14,5 Meter) ist ein Putzbau, der über einem hohen Keller und mit einem Satteldach errichtet wurde; durch Purifizierung im Äußeren fällt es nur noch durch seine Größe auf.“[6]

Ab Mitte 1945 diente das Herrenhaus von Allodial-Boltenhagen (und sicher auch das andere) vielen ostdeutschen Flüchtlingsfamilien als Notquartier, sodass es fast aus allen Nähten platzte. Im Laufe der Jahre verließen jedoch mehrere Einlieger ihre dortige Bleibe und suchten sich anderwärtig ein komfortableres Domizil.

Nach dem Berliner Mauerfall wurde das mittlerweile kaum noch bewohnte Haus nebst Garten, Park und Hofstelle, die nun in der Hand der Gemeinde Klevenow lagen, an den Gärtner Schnelle verpachtet. Dieser gründete mit seinem Partner die Firma „Eßbare Landschaften“. Damit einher ging die Versorgung einiger Hotels der Spitzenklasse mit frischen, in der freien Natur vorkommenden Kräutern und Pflanzen. Unter diesen beiden Gärtnern wurden 1994 die gutszeitlichen Ökonomiegebäude zu Gunsten eines befestigen Park- und Veranstaltungsplatzes abgebrochen. Außerdem ließen sie 1995 die in Straßennähe stehenden Torpfeiler neu errichten.[7]

Nach der Jahrtausendwende zogen sich Olaf Schnelle und sein Partner aus Boltenhagen zurück. Das freigewordene Grundstück wurde um das Jahr 2010 von der Gemeinde Süderholz, der Rechtsnachfolgerin der Klevenower Verwaltung, an eine couragierte Dame veräußert, die heute (April 2014) mit ihren erwachsenen Töchtern alle Hände voll zu tun hat, um das große Anwesen zu erhalten.[8]

Im Zusammenhang mit dem Boltenhäger Gut soll auch ein lokaler Schwank zur Boltenhäger Schnitterkaserne Erwähnung finden:
„Im Sommer 1945 waren in der Boltenhäger Schnitterkaserne (schon vor Jahrzehnten abgängig) mehrere Rotarmisten einquartiert. Als einige derselben eines Abends zu tief in die Flasche geschaut hatten, benutzten sie zum Schlafen nicht die Kojen, sondern sie legten ihre verschränkten Arme und benebelten Köpfe in vorgebeugter Sitzhaltung auf den Essenstisch und fingen an zu schnarchen. Nur wenig später betrat ein weiterer Soldat mit einer Kalaschnikow den Raum. Der gleichermaßen unter „Strom“ stehende Neuankömmling knallte die mitgeführte MP ungesichert auf die noch freie Tischfläche. Dabei löste sich durch den Aufschlag ein Schuss, der einen der Schläfer ins Jenseits beförderte. Bestattet wurde der Unglücksrabe an einer Stelle am Dorfrand, die heute keiner mehr kennt oder kennen will, denn als sich ein Ortsbewohner vor Jahren hinter seinem Haus einen neuen Gartenzaun errichten wollte, traf er beim Pfählesetzen rein zufällig auf das Skelett des illegal verscharrten Russen. Eine Anzeige erfolgte nicht und damit auch keine Exhumierung, sodass der Rotarmist auch weiterhin von Amts wegen zu der großen Schar der Verschollenen des Zweiten Weltkrieges gehört.“[9]

–––

[1] Klempin, Robert; Kratz, Gustav: Matrikel und Verzeichnisse der Pommerschen Ritterschaft vom XIV. bis in das XIX. Jahrhundert, Berlin 1863, S. 10

[2] Ebd., S. 549 u. 604; siehe auch Sieber, Helmut: Schlösser und Herrensitze in Pommern, 3. Aufl., Frankfurt am Main 1978, S. 46

[3] Niekammer’s Landwirtschaftliches Güter-Adreßbücher, Bd. 3, Reihe 1: Pommern, Leipzig 1911 u. 1939

[4] Niekammer’s Landwirtschaftliches Güter-Adreßbücher, Bd. 9, Reihe 1: Pommern, Leipzig 1939

[5] Veer, Renate de: Steinernes Gedächtnis, Gutsanlagen und Gutshäuser in Mecklenburg-Vorpommern. Ein Handbuch, Band 2, Schwerin 2006, S. 379; siehe auch Freise, Regine: Der amtliche Umgang mit der Bausubstanz von Gutshäusern und Schlössern in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands und der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Dargestellt am Kreis Grimmen in Vorpommern (1945–1952), Dissertation, Göttingen 2006, S. 76

[6] Veer, Renate de: Steinernes Gedächtnis, Gutsanlagen und Gutshäuser in Mecklenburg-Vorpommern. Ein Handbuch, Band 2, Schwerin 2006, S. 379

[7] Ebd., S. 379

[8] Angaben der jetzigen Besitzerin des Herrenhauses Allodial-Boltenhagen zur jüngsten Historie ihres Neuerwerbs vom 18. April 2014

[9] Angaben von Karl Krüger aus Griebenow zur jüngeren Historie des bei Grimmen gelegenen Ortes Boltenhagen vom 19. April 2014

  1. Boltenhagen, Herrenhaus von Allodial-Boltenhagen, Hof- bzw. Südostseite, April 2014; Foto: D. Schnell
  2. Boltenhagen, Herrenhaus von Allodial-Boltenhagen von Süden, April 2014; Foto: D. Schnell
  3. Boltenhagen, Torpfeiler an der Hofzufahrt von Allodial-Boltenhagen von Süden, April 2014; Foto: D. Schnell