Boldevitz

Boldevitz auf der Insel Rügen wird erstmals 1314 erwähnt. Der Ort unterstand anfänglich der Familie von Rotermund, die dort über mehrere Jahrhunderte hindurch besitzrechtlich in Erscheinung trat. Zu ihren Vertretern gehörten unter anderem Claus von Rotermund (1527–1600; dieser soll die Maschenholzer Kirche abgerissen haben, um das gewonnene Steinmaterial für den Bau des auf uns überkommenen Herrenhauses zu nutzen)[1] und Philipp Gotslob (Gützlaff) von Rotermund (1607–1667). Besagter Philipp war Kapitän in schwedischen Diensten und ritterschaftlicher Landrat auf Rügen. Nach Hubertus Neuschäffer hat nicht Claus von Rotermund, sondern der Landrat um 1635 den alten Adelssitz aufführen lassen,[2] der mit seinen parallelen Satteldächern zur damaligen Zeit ein durchaus gängiger Haustyp im südlichen Ostseeraum war. Denken wir dabei nur an die Häuser in Spycker und Üselitz auf Rügen sowie das in Hinterpommern gelegene Krangen. Nach bestehenden Quellenanalysen durch Sabine Bock ist jedoch mit ziemlicher Sicherheit davon auszugehen, dass Philipp Gützlaff nur das von Claus von Rotermund nach 1586 errichtete Gebäude umbauen und verschönern ließ.[3]

Philipp Gützlaff von Rotermund war zweimal verheiratet. Als seine erste Gattin Anna, eine geborene von Normann und verwitwete von der Lancken, verstarb, vermählte sich der Witwer mit Dorothea von Schwerin. Der Sohn der beiden, Caspar Detloff von Rotermund, war der letzte männliche Vertreter seines Geschlechts auf Boldevitz. Als schwedischer Oberstleutnant genoss er nicht nur den Ruf eines verwegenen Militärs, sondern er bewies sich auch als Raufbold und Spieler, der infolge zunehmender Klagen über seine gleichermaßen rauflustige Truppe schon vorzeitig den Abschied nehmen musste. Dieser alte Haudegen hatte sich, obwohl verheiratet, aus Ungarn eine attraktive und offenkundig temperamentvolle Türkin mit nach Boldevitz gebracht, über deren Bekehrung zum Christentum es in der Rügener Pastorenschaft zu heftigen Auseinandersetzungen kam. Caspar Detloff starb 1711. Bestattet wurde er in der Gingster Kirche in der Rotermund'schen Familiengruft.[4] Eine seiner beiden ehelich geborenen Töchter, Beate Dorothea, war mit dem schwedischen Generalmajor und späteren Besitznachfolger auf Boldevitz, Graf Carl Gustav von Mellin (1670–1738), vermählt. Aus wirtschaftlichen Gründen ging Boldevitz 1744 an den Grafen Moritz Ulrich von Putbus (1700–1769). Nächster Herr auf Boldevitz wurde 1762 der Stralsunder Regierungsrat und Abgeordnete der schwedisch-pommerschen Ritterschaft, Adolf Friedrich (von) Olthof (1718–1793). Nach knapp 20 Jahren musste der Regierungsrat jedoch Konkurs anmelden, sodass das Gut Boldevitz 1780 unter den Hammer kam.[5] Den Zuschlag erhielt der Kammerherr Friedrich Christian von der Lancken auf Lanckensburg und Presenske (1737–1784; war mit Maria Margarete Antoinette von Platen vermählt). Zu dessen Besitznachfolgern gehörten:

  • Rickmann Gottlieb von der Lancken (ab 1784, ältester Sohn des Vorgenannten, verwaltete das Gut anfangs an Stelle seines eingeschränkten Bruders Wilhelm),
  • Hauptmann Gottlieb von der Lancken (tatsächlicher Besitzer erst ab 1803, Bruder des Vorgenanten, unter seiner Herrschaft kam es zur „Boldevitzer Revolution“ und Errichtung der ersten „Industrieschule“ auf Rügen, 1817 abermals Konkurs des Gutes),
  • Carl von Wakenitz auf Klevenow (ab 1817; Schwager des Vorbesitzers. Da sein Sohn früh verstorben war, wurde seine uneheliche Tochter Emilie als Familienmitglied anerkannt),
  • Oberst und Generaladjutant des schwedischen Königs, Friedrich Bernhard von der Lancken (bis 1837; wurde anlässlich seiner 1816 erfolgten Vermählung mit der oben genannte Emilie von Wakenitz auf Klevenow unter Zusammenfügung beider Namen in den Freiherrenstand erhoben; schied 1837 freiwillig aus dem Leben),
  • Emilie von der Lancken-Wakenitz (von 1837 bis 1871, Witwe des Friedrich Bernhard; galt auf Rügen als "Original"),
  • Premierleutnant Freiherr Malte von der Lancken-Wakenitz (von 1871 bis 1911; Sohn der Vorgenannten; war nach dem Tode seines Neffen auch Fideikommissherr auf Klevenow)
  • Oskar von der Lancken-Wakenitz, kaiserlicher Gesandter (von 1911 bis 1939; Sohn des Premierleutnants, setzte sich auf diplomatischem Wege für die Beendigung des Ersten Weltkrieges ein).

Da Oscar von der Lancken-Wakenitz eine kinderlose Ehe führte, adoptierte er den Sohn seiner Schwester, Silvius von Albedyll, der nach dem Tode seines Onkels 1939 als Freiherr von der Lancken-Wakenitz-Albedyll neuer Eigentümer von Boldevitz wurde. Nach der Besetzung Rügens durch die Rote Armee Anfang Mai 1945 konnte er sich aufgrund seiner schwedischen Beziehungen noch bis Anfang 1946 in Boldevitz aufhalten. Kurz danach wurde er jedoch verhaftet, aus fadenscheinigen Gründen zum Tode verurteilt und am 3. Oktober 1946 hingerichtet.[6]

Wie bereits anfangs erwähnt, soll das sogenannte Boldevitzer Herrenhaus im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts von Claus von Rotermund errichtet worden sein. Dieses alte Doppelhaus (Hauptbau ca. 18 × 18 Meter, 5 × 5 Achsen, dreigeschossig, zwei parallele Satteldächer, deren Volutengiebel mit Doppelgesimsen versehen, Eckquaderung) besitzt ein – mit Ausnahme der Westseite – relativ fensterarmes Erdgeschoss. In dessen Mauergeviert liegt zur rechten Hand des Eingangsflures (vom Hof aus gesehen) ein zweifenstriger Gewölberaum (möglicherweise vormals Hofstube, eventuell vor 1658 auch Hauskapelle). Beachtenswert sind dort nicht nur die von einem Rundpfeiler getragenen Kreuzgratgewölbe, sondern auch der Restbestand einer ursprünglichen Wandmalerei. Zu den weiteren nennenswerten Gebäudedetails gehören außerdem die zum Hauptportal des ersten Obergeschosses führende Freitreppe (mehrläufig, in Erdbodenhöhe zweiter Hauseingang, durch ihn Erschließung des Souterrains) an der Gebäudewestseite und ihr einläufiges Gegenstück an der Parkfront. Bei dem mehrläufigen Aufgang handelt es sich um eine Nachbildung der ursprünglichen Treppe, die um 1884 einer dem damaligen Zeitgeist geschuldeten Rampenzufahrt weichen musste. Unser Augenmerk verdient gleichermaßen das oberhalb des Portals angebrachte Allianzwappen (Kalksteinplatte) mit der kaum noch leserlichen Inschrift: „Christian Friedrich von der Lancken – Anthonette von Platen, Anno 1784“.[7]

Es wird angenommen, dass das oben genannte Datum auf den Beginn der von Christian Friedrich veranlassten Hauserweiterung (kam 1787 zum Abschluss) hinweist. Im Zuge dieser Baumaßnahme wurde das alte Gebäude um zwei Seitenflügel (je Exemplar ca. 14 × 8 Meter, zweigeschossig) linear verlängert, sodass die neuen Trakte mit dem Altbau westseitig eine einheitliche Frontlinie (15 Achsen) bilden.[8] An der nördlichen Flügelschmalseite treten mehrere Blindfenster in Erscheinung, die wir in ähnlicher Form nicht nur in Mittel- und Süddeutschland wiederfinden, sondern auch das Herrenhaus Falkenhagen (zwischen Stralsund und Greifswald gelegen) und das Schloss Griebenow bei Greifswald waren ursprünglich damit ausgestattet.

Von 1762 bis 1764 wohnte Jakob Philipp Hackert (1737–1807), ein aus Prenzlau stammender, vom Kunstmäzen Adolf Friedrich (von) Olthof geförderter Maler, in Boldevitz. Der in den 1760er Jahren noch wenig bekannte Künstler gestaltete den Festsaal seines Brotgebers mit sechs Bildtapeten aus. Die mit einer illusionistischen Architektur- und Landschaftsmalerei versehenen Tapeten zeigen Ideallandschaften, darunter auch ein Rügenmotiv, womit Hackert der größten deutschen Insel noch vor Caspar David Friedrich ein künstlerisches Denkmal setzte. Der im zweiten Obergeschoss liegende Saal verfügt über drei Fenster- und zwei Türachsen. Mit seinem Deckenstuck (um 1765 entstanden) und den Bildtapeten sowie den beiden kunstvollen Großspiegeln an der Fensterseite gehörte er vor 1945 zu den schönsten Festräumen auf Rügen.[9]

Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte der hier aufgezeigte Befund der Raumausstattung aufgrund der im Haus untergebrachten Flüchtlingsfamilien jedoch bald in Mitleidenschaft gezogen werden. Zum Glück sorgten damals einige besonnene Bürger für die Auslagerung der wertvollen Bildwerke und Spiegel, sodass sie, wenn auch in etwas lädierter Fassung, alle Fährnisse der Zeit vor und nach dem Berliner Mauerfall überdauert haben. Im Sommer 2003 hingen wieder vier Hackert'sche Tapeten an ihrem angestammten Platz, nachdem sie in Dresden restauriert worden waren. Und auch die Spiegel befanden sich zu der Zeit wieder im Haus, freilich noch nicht im Festsaal, sondern in einem Depot des Treppenaufgangs. Während der fortlaufenden Rekonstruktionsarbeiten, die übrigens noch zwei bis drei Jahre in Anspruch nahmen, war man bemüht, dem Saal seine barock-klassizistische Ursprünglichkeit zurückzugeben. Nach allem Dafürhalten ist es den Restauratoren in Abstimmung mit der Familie des Hausherrn und der Denkmalpflege gelungen, dieses Unterfangen erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Neben den Tapeten, dem Deckenstuck und den Spiegeln sind auch die marmorierten Wandbereiche (in Farbe), die vegetabilen Schmuckformen über den Türen (ebenfalls in Farbe), der Kristalllüster und der fast zimmerhohe Kachelofen an der südlichen Raumwand von beachtenswerter Qualität, sodass der Saal auch gegenwärtig wieder einen Spitzenplatz auf Rügen einnimmt.

Im ersten Obergeschoss treffen wir auf zwei Gemächer, die es wert sind, hier ebenfalls genannt zu werden. Das eine der beiden besitzt eine apsidiaIe Wandnische mit einem alten Rundofen und das andere, nun als Bibliothek eingerichtet, zeichnet sich durch einen kunstvollen Bücherschrank von beträchtlicher Länge aus.

Das Boldevitzer Herrenhaus diente nach 1945 einer ganzen Anzahl von Flüchtlingsfamilien als Unterkunft. Außerdem beherbergte es die Verwaltung des Volkseigenen Gutes, das dort der Hauptarbeitgeber im Ort war. In späteren Jahren, als sich bereits ein Teil der Einliegerfamilien aus dem vormaligen Herrensitz verabschiedet hatte, richtete die Gemeinde dort einen Kindergarten ein.[10]

Anfang der 1990er Jahre wurden das nun verwaiste Haus und der umliegende Park mit den historischen Gebäuden an Brita Brogren geb. von der Lancken-Wakenitz-Albedyll (eine bis nach dem Berliner Mauerfall in Schweden lebende Tochter des 1946 hingerichteten Boldevitzer Gutsherrn Silvius von der Lancken-Wakenitz-Albedyll) rückübertragen. Diese, jetzt wieder im Ort ihrer Kindheit wohnende Dame, veräußerte den Besitz jedoch schon bald an Lüder Anton von Wersebe und Alexandra geb. Gräfin zu Inn- und Knyphausen aus Meyenburg bei Bremen.[11] Nachfolgend wurde das heruntergekommene Anwesen, bestehend aus „Schloss“, Brunnenhaus, Kapelle (1839 errichtet) und Park, in vorbildlicher Weise saniert. Dabei fielen alle stilwidrigen An- und Ausbauten der Spitzhacke zum Opfer. In ähnlicher Weise verfuhr man überdies mit dem Wildwuchs im Park, um so die Solitäre und Gehölzgruppen wieder ins rechte Licht zu rücken. Außerdem legte die neue Besitzerfamilie auf dem Gelände der ehemaligen Stallanlagen (westlich des Herrenhauses gelegen) ein großflächiges Rasenparterre an, über das der Blick nun ungestört bis an den fernen Hochwald (auf halber Strecke große rekonstruierte Teichanlage) schweifen kann. Auf ein nicht allzu häufig anzutreffendes Erdwerk am Rande der Parkanlage sei hier besonders verwiesen. Es ist eine Wall-Graben-Begrenzung von etwa 1,5 Meter Höhe und Tiefe, die ursprünglich wahrscheinlich den gesamten Hof- und Parkbereich umschloss, von der sich gegenwärtig aber nur noch ein Teilstück an der nordöstlichen Baumgrenze erhalten hat. Fragmente ähnlicher Art finden wir auf Rügen außerdem in Udars vor, wogegen das benachbarte Granzkevitzer Wallexemplar mit seinen weit größeren Dimensionen alle Voraussetzungen einer Wehranlage erfüllt.

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[1] Bock, Sabine; Helms, Thomas: Boldevitz – Geschichte und Architektur eines rügenschen Gutes, Schwerin 2007, S. 8ff. u. S. 66

[2] Neuschäffer, Hubertus: Schlösser und Herrenhäuser in Hinterpommern, Leer 1994, S. 41

[3] Bock, Sabine; Helms, Thomas: Boldevitz – Geschichte und Architektur eines rügenschen Gutes, Schwerin 2007, S. 68

[4] Sieber, Helmut: Schlösser und Herrensitze in Pommern, 3. Aufl., Frankfurt am Main 1978, S. 40 sowie Bock, Sabine; Helms, Thomas: Boldevitz – Geschichte und Architektur eines rügenschen Gutes, Schwerin 2007, S. 17

[5] Bock, Sabine; Helms, Thomas: Boldevitz – Geschichte und Architektur eines rügenschen Gutes, Schwerin 2007, S. 19ff.

[6] Ebd., S. 20ff.

[7] Ebd., S. 37

[8] Ebd., S. 66ff.

[9] Ebd., S. 20ff.

[10] Ebd., S. 55

[11] Angaben von Mario Landfatt vor Ort zu den gegenwärtigen Besitzverhältnissen vom 13. April 2003

  1. Boldevitz, Herrenhaus, Westseite, Juli 2003; Foto: D. Schnell
  2. Boldevitz, Herrenhaus von Südosten, April 2003; Foto: D. Schnell
  3. Boldevitz, Hackert'sche Wandtapete im Festsaal, April 2003; Foto: D. Schnell
  4. Boldevitz, Hackert'sche Wandtapete im Festsaal, April 2013; Foto: D. Schnell