Belgard (Białogard)

Neben der Stadt Belgard (Białogard), von der hier die Rede ist, existiert nordwestlich von Lauenburg (Lębork) noch ein gleichnamiges Gemeinwesen (Białogarda), dessen Wallburg in pomorellischer Zeit zu den bedeutendsten Wehranlagen westlich von Danzig (Gdansk) gehörte.

Erstmals erwähnt wird die pomoranische Veste Belgard (weiße Burg, wasserumgebener Wallberg mit hölzerner Bebauung, an der Mündung des Leitznitzbaches in die Persante gelegen) im Jahre 1102 anlässlich ihrer Eroberung durch Polenherzog Boleslaw III. Infolge der im frühen 12. Jahrhundert erlangten Oberhoheit Polens über die zwischen Pyritz und Kolberg siedelnden Pomoranen (währte etwa bis 1138) kam der "Apostel der Pommern", Otto von Bamberg, auf seiner ersten Missionsreise (1124/25) auch nach Belgard. 1269 unterstanden die Burg und der umliegende Landstrich dem pommerellischen Herzog Mestwin II. (von 1266 bis 1294), der den umfangreichen Besitz allerdings noch im selben Jahr seinem Schwiegersohn Pribislaw III. als Brautgeschenk übereignete. 1299 gründete Pommernherzog Bogislaw IV., in dessen Kompetenzbereich das dortige Land seit kurzem lag, die mit lübischem Recht ausgestattete Stadt Belgard.[1] Nur wenig später fungierte die nahe Burg (nun in Stein aufgeführt) sowohl als Zollhebestelle als auch als zeitweise Residenz Herzog Wartislaws IV. (von 1309 bis 1326). Seit dem 14. Jahrhundert war Belgard Mitglied der Hanse. Der damit einhergehende Wohlstand ließ die Einwohnerzahl vor dem Dreißigjährigen Krieg auf etwa 3000 Köpfe anwachsen, doch bereits 1628 wurden nur noch 1445 Häupter gezählt.[2] In Anbetracht der oben genannten Einwohnerzahl und des nicht sehr großen Altstadtareals ist wohl davon auszugehen, dass Belgard schon zu Beginn der frühen Neuzeit über wenigstens eine Vorortsiedlung verfügt haben dürfte.

Die alten Gebäude auf dem Burgberg (etwa 75 × 45 Meter, 4 Meter hoch) brannten 1525 fast vollständig nieder. An Stelle der Brandruinen wurde 1535 ein neues, „fürstliches Haus“ (drei- oder viergeschossig, jede der beiden Schmalseiten mit einem Schweifgiebel versehen, wahrscheinlich zwei schlanke runde Ecktürme, am stadtseitigen Zugang separates Torhaus) aufgeführt,[3] das uns auf der Lubinschen Karte von 1618 als gedrungener Kompaktbau vor Augen tritt. Nach Hubertus Neuschäffer hatte das Schloss eine Mittelhalle mit einer zu den Obergeschossen führenden Wendeltreppe. Ab 1653 residierte in dem als „Ritterhaus“ bezeichneten Gebäude der kurfürstlich-brandenburgische Amtshauptmann.[4] Im Laufe der folgenden Dezennien verfiel der renaissancezeitliche Amtssitz allerdings immer mehr, sodass er im zweiten Drittel des 18. Jahrhundert abgebrochen werden musste.

Auf den stehengebliebenen Fundamenten wurde 1786 vom damaligen Amtsrat Bütow nach Plänen von David Gilly (1748–1808, sein 1772 in Altdamm geborener Sohn Friedrich unterrichtete Karl Friedrich Schinkel) und unter Aufsicht des Baumeisters Jawein das sogenannte Amtshaus errichtet. Der neunachsige, zweigeschossige Fachwerkbau mit Krüppelwalmdach wurde später verputzt und erhielt bis zur Höhe seines massiven, eingewölbten Sockelgeschosses an der Hof- beziehungsweise Nordostseite eine breitgelagerte Freitreppe.

Der Neubau war später Mittelpunkt des Kreises Belgard und Verwaltungssitz des Generalpächters der Domänenämter Belgard und Körlin.[5] Über die Gestaltung des Hauses berichtet uns der Landbaumeister und Architekt David Gilly folgendes: „Möchte man bloß Symmetrie und gute Verhältnisse in Absicht der Fenster und Zwischenpfeiler wählen, dann wird man wohlgefällige und zugleich mit dem Charakter der Ökonomie und Solidität bezeichnete Landhäuser erhalten.“[6] Außerdem lesen wir bei Hubertus Neuschäffer über das neu aufgeführte Gebäude folgendes: „Unter der Mitwirkung David Gillys geplant und errichtet, besitzt das Amtshaus Belgard eine besondere Bedeutung in der Geschichte der märkisch-pommerschen Baukunst des ausgehenden 18. Jahrhunderts und ist ein gutes Beispiel einer spezifisch preußischen, sachlich gediegenen, dabei wohl anmutigen Gestaltung.“[7]

In den 1830er Jahren gelangte das Amt Belgard in private Hände. Seither wechselten auf dem nunmehrigen Gut bis 1945 häufig die Eigentümer. Unter einem von ihnen wurden um 1905 mehrere Nebengebäude (auf und vor dem Burgberg gelegen) abgetragen.[8]

Infolge des Zweiten Weltkrieges (1939–1945) fiel Belgard an Polen. Die deutschen Einwohner mussten fliehen und ihre Häuser wurden von polnischen Neusiedlern in Besitz genommen. Dazu gehörte freilich auch das Amtshaus, in dem 1994 noch zwei oder drei Familien lebten. Im Jahre 2001 war das leerstehende Haus zur Ruine verkommen und 2007 war es bis auf wenige Fundamentreste verschwunden.

Belgard ist der Geburtsort des bekannten Granitbildhauers Joachim Utech (1889–1960). „,Der alte Hirte’, eines seiner ausdrucksstärksten Werke, wurde auf einer Ausstellung in Venedig für das Nationalmuseum in Rom erworben.“[9]

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[1] Neuschäffer, Hubertus: Schlösser und Herrenhäuser in Hinterpommern, Leer 1994, S. 48

[2] Hinz, Johannes: Pommern-Wegweiser durch ein unvergessenes Land, Mannheim 1988, S. 54

[3] Ebd., S. 54
[4] Neuschäffer, Hubertus: Schlösser und Herrenhäuser in Hinterpommern, Leer 1994, S. 49

[5] Ebd., S. 49; vgl. auch Hinz, Johannes: Pommern-Wegweiser durch ein unvergessenes Land, Mannheim 1988, S. 54

[6] Neuschäffer, Hubertus: Schlösser und Herrenhäuser in Hinterpommern, Leer 1994, S. 50

[7] Ebd., S. 50

[8] Ebd., S. 50

[9] Diedrich, Waldemar: Frag mich nach Pommern, Leer 1988, S. 223

  1. Belgard (Białogard), Amtshaus, Hof- bzw. Nordostseite, September 1994; Foto: D. Schnell