Bauer
Der Ort Bauer liegt fünf Kilometer nordwestlich von Lassan am Nordufer des Bebrowbachs. Damit hat das kleine Gemeinwesen den sich am südlichen Bachufer befindlichen Ort Wehrland, der ebenfalls nicht viel größer ist, zum unmittelbaren Nachbarn. Mit beiden Gütern war jahrhundertelang die Familie von Lepel belehnt gewesen, die sie in Bezug auf Bauer mit dem Köllerschen Geschlecht teilen musste. Im Jahre 1430 werden Hans und Dietrich Lepel als "zum Bower“ erbgesessen genannt. Zu den weiteren dortigen Vertretern der Familie von Lepel gehörten unter anderem:
- Zacharias Lepel (wird 1460 genannt),
- Joachim Lepel und Diderick Lepel sowie Clawes Lepel (Gebrüder, treten 1493 und 1523 in Erscheinung),
- Ulrich und Joachim Lepel (werden 1563 erwähnt, saßen auf Netzelkow auf dem Gnitz, ihr Mitbesitzer der Bauerschen Feldmark war Claus Köller, dieser verkaufte 1568 seinen dortigen Anteil auf 15 Jahre an drei Vettern aus der Köllerschen Familie, die nachfolgend jedoch nicht mehr in den Annalen als Inhaber einiger Huf am Bebrowbach aufgeführt werden),
- Heinrich Lepel sowie der alte Jochim Dietrich Lepel und Jung Jochim Lepel (um 1592),
- Zabel und Jochim Lepel (werden 1631 genannt),
- die Erben Heinrich Lepels (vor 1670, unter ihnen mussten die Güter Bauer und Wehrland nach einem Konkursverfahren veräußert werden, doch fielen sie, wie nachfolgend aufgezeigt, bald wieder an die Familie Lepel zurück),
- Jochim Lepel (erscheint 1687 in der Annalen)
- und weitere Mitglieder der hier in Rede stehenden Familie (bis 1823, besaßen Bauer und Wehrland).[1]
Da beide Güter sehr verschuldet waren, wurden sie von einem „Rechtsfreund“ der Lepels, dem Hofgerichtsfiskal Christian Samuel Dondorf (1791–1845) in Eigenregie übernommen. Dieser verkaufte Bauer und Wehrland 1836 an den Kaufmann Andreas Moritz Voss (1792–1870). Zu dessen Besitznachfolgern gehörten
- August von Quistorp (von 1867 bis 1877),
- ein oder zwei Gutspächter (von 1870 bis 1902),
- der Rittmeister a. D. Ulrich von Quistorp (von 1902 bis 1903),
- die von Quistorpschen Erben (von 1903 bis 1925)
- und Hans-Ulrich von Quistorp (1904–1946, von 1925 bis 1945, unter seiner Leitung wurden 1929 ca. 540 Hektar des Gutes Wehrland an die Siedlungsgesellschaft „Deutsches Land“ verkauft, desgleichen veräußerte er im selben Jahr das Bauersche Herrenhaus mit 25 Hektar an seinen Vetter Alexander von Quistorp (1892–1974) aus dem Hause Krenzow).[2]
Im Jahre 1939 verfügte das 548 Hektar umfassende Gut Bauer über folgende Nutzflächen: 260 Hektar Acker und Gärten, 50 Hektar Wiesen, 50 Hektar Weiden, 158 Hektar Holzungen und einen Hektar Gewässer. Außerdem hatte der landwirtschaftliche Großbetrieb zu der Zeit nachstehenden Viehbesatz eingestallt: 37 Pferde, 135 Stück Rindvieh, 480 Schafe und 32 Schweine.[3]
Das Bauersche Herrenhaus (Streichrichtung Südwest–Nordost, klassizistischer Putzbau, zweigeschossig, unterkellert, 9 × 6 Achsen, Satteldach, an Südostseite dreiecksübergiebelter Mittelrisalit, beide Schmalseiten ebenfalls dreiecksübergiebelt, in ihren Giebelfeldern Lünettenfenster, Achsen des Obergeschosses mit Verdachungen) wurde 1837 von dem anfangs erwähnten Kaufmann Andreas Moritz Voss als Landhaus errichtet. Über die Innenraumarchitektur lesen wir bei Klaus Berge und Bernd Jordan unter anderem Folgendes:
„Vestibül und Foyer erfahren durch ihre Größe und Ausstattung eine besondere Betonung, dorische Säulen und Pilaster als Stützelemente und ein umlaufendes Gebälk, das mit Stuck und kräftig blauen Palmettenmotiven dekoriert ist […] Stuckdecken mit Deckenvouten und Rosette, die Innentüranlagen, ein- und doppelflügelig, die Fensternischenverkleidungen sowie die gefalteten Fensterinnenläden sind nach einem einheitlichen Formenkanon komponiert und mit handwerklicher Kunst gefertigt. Der große Saal ist deutlich aufwendiger gestaltet als die übrigen Räume, vier Doppeltüranlagen mit gemalten Supraporten über der Verdachung, die Deckenfläche mit umlaufendem klassizistischem Band mit Lorbeerkranz geschmückter Eckfelderung und zwei größere Rosetten mit Lorbeerkränzen.“[4]
Angeblich weilte der deutsch-amerikanische Raketenpionier Wernher von Braun (1912–1977) vor 1945 mehrere Male im Bauer'schen Herrenhaus, da seine hochintelligente Mutter Emmy geb. von Quistorp (1886–1959) die Schwester das damaligen Hausbesitzers Alexander von Quistorp war.
Hans Ulrich von Quistorp (wohnte mit seiner Familie nach 1929 im Verwalterhaus) wurde 1945 nicht nur enteignet, sondern er wurde durch den NKWD (in der UdSSR Volkskommissariat für innere Angelegenheiten) auch in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt, wo er kurz vor Weihnachten 1946 starb. Die hinterbliebene Witwe Erika von Quistorp geb. von der Heyden-Rynsch fand mit ihren sechs Kindern nach mehreren Zwischenstationen am Niederrhein ein neues Zuhause. Auch Hans Ulrichs Vetter Alexander von Quistorp (1892–1974, seit 1929 Besitzer des Herrenhauses) geriet 1945 in die Fänge des NKWD. Auf Grund dessen musste er insgesamt zehn Jahre in Lagern und Zuchthäusern der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und DDR verbringen.
Nach 1945 fiel das Haus, in dem nun mehrere Flüchtlingsfamilien aus dem ehemals ostdeutschen Raum untergekommen waren, an die Gemeinde. Diese ließ im alten Adelssitz eine Konsumverkaufsstelle, eine Schule und eine Gaststätte einrichten. Mitte der 1960er Jahre wurden anstelle der ausgelagerten Schule neue Wohnräume geschaffen. Zudem diente der große Saal im Obergeschoss nun als Veranstaltungsraum. Da das nötige „Kleingeld“ für anstehende Reparaturen nicht im erforderlichen Maße zur Verfügung stand, verschlechterte sich der Zustand des Hauses im Laufe der Zeit immer mehr. Daher ist es nur zu begrüßen, dass das heruntergekommene Gebäude am 28. Dezember 1998 von Prof. Dr. Hans-Gert Roloff und Dipl.-Ing. Klaus Berge erworben wurde, denn beide sorgten dafür, dass Haus und Park schon nach wenigen Jahren wieder in neuem Glanz erstrahlten. Dieser Eindruck konnte zuletzt (2016) vor Ort bestätigt werden.
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[1] Berghaus, Heinrich: Landbuch von Neu-Vorpommern und der Insel Rügen, IV. Th., Bd. II, Anklam und Stralsund 1868, S. 935
[2] Berge, Klaus; Jordan, Bernd: Beiträge zur Lassaner Heimatgeschichte 2007. Güter, Herrenhäuser und Familien um Lassan, Eigenverlag 2007, S. 5ff.
[3] Niekammer’s Landwirtschaftliches Güter-Adreßbücher, Bd. 9, Reihe 1: Pommern, Leipzig 1939
[4] Berge, Klaus; Jordan, Bernd: Beiträge zur Lassaner Heimatgeschichte 2007. Güter, Herrenhäuser und Familien um Lassan, Eigenverlag 2007, S. 10f.
- Bauer, Herrenhaus von Süden, Dezember 2016; Foto: D. Schnell
- Bauer, Parkeingang von Südosten, Dezember 2016; Foto: D. Schnell
