Bartmannshagen

Auf der von Grimmen nach Reinberg führenden Landstraße erreicht man nach vier Kilometern Fahrstrecke den Ort Bartmannshagen. Angeblich wurde die Siedlung im 12. Jahrhundert von Neuenkamper Mönchen angelegt, was allerdings zu bezweifeln ist, da Neuenkamp erst 1233 gegründet wurde.[1] Im Jahre 1321 fiel das Lehen an den Ritter Dechow und ab 1372 war die Familie Schmalensee Inhaber des Ortes, der zu der Zeit noch die Bezeichnung Bertrammeshagen führte. Am Ende des Dreißigjährigen Krieges musste der Besitz aus finanziellen Gründen an die Erben von Lucas Buschin verpfändet werden. Von einem der späteren Inhaber des Gutes gelangte dieses in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an die Familie Hecht. Da die Sippe Hecht aber noch über weitere Besitzungen im Kreis Grimmen verfügte, veräußerte sie Bartmannshagen 1897 an Arthur Becker,[2] über den uns Gerhard Strübing folgendes berichtet:

„Arthur Becker war der Sohn eines jüdischen Industriellen, der durch die Gewinnung von Bernstein an der östlichen Ostseeküste Millionär geworden war. Mit seinem väterlichen Erbe kaufte Becker 1898 das Rittergut Bartmannshagen und 430 Hektar Land […]. Hauptinhalt seines politischen Wirkens war der Kampf gegen das ostelbische Junkertum. Seine (illusionäre) Agrarreform sah die teilweise entschädigte Enteignung der Großagrarier zugunsten eines freien Bauerntums vor […]. 1910 (es erfolgte die Aufsiedlung des Gutes durch die Pommersche Landbank von 1911 bis 1913, der Verf.) siedelte Becker sein Rittergut vollständig auf. 24 Landarbeiter, Büdner und Kleinbauern erhielten zu günstigen Bedingungen eigenes Land […]. Anfang 1919 trat Becker zur SPD über und führte bis 1924 eine scharfe Polemik gegen die SPD-Partei- und Regierungsstellen wegen ihrer versöhnlichen Haltung gegen den Großgrundbesitz und ihres Verrats an der Demokratie. In den Jahren 1921 bis 1931 war er Mitglied des Kreisausschusses und Vorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion. Seit 1929 bekannte er sich offen zur Zusammenarbeit mit der KPD […]. 1933 verstarb der ,Rote Jude‘ aus Bartmannshagen, wie ihn die Agrarier genannt hatten.“[3] Überdies sei hier noch erwähnt, dass der aufmüpfige Gutsherr 1910 wegen einer von ihm geführten Klage gegen den Grimmer Landrat von Maltzahn zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr verurteilt wurde.[4]

1911 verfügte das 421 Hektar umfassende Rittergut über folgende Nutzflächen: 324 Hektar Acker und Gärten, 47 Hektar Wiesen, 6 Hektar Weiden und 44 Hektar Holzungen. Außerdem gebot der Landwirtschaftliche Großbetrieb zu der Zeit über nachstehenden Viehbesatz: 78 Pferde, 199 Stück Rindvieh und 160 Schweine.[5]

Der von Arthur Beckers Restgut (20 Hektar) erwirtschaftete Ertrag reichte allerdings nicht aus, um die ihm verbliebenen Baulichkeiten wie Herrenhaus, Marstall und Reithalle dauerhaft zu erhalten. Zwar versuchte seine Witwe Antje den ererbten Besitz nach 1933 vor dem Konkursrichter zu retten, doch ihre Bemühungen blieben letztendlich erfolglos, sodass die Immobilie 1937 unter den Hammer kam.[6] In der unmittelbaren Folgezeit richtete der Staat im Haus ein Landjahrheim ein. Dessen Existenz währte freilich nur einige Monate, da das großzügig angelegte Gebäude noch im selben Jahr in die Verfügungsgewalt des Reichsarbeitsdienstes gelangte und zum Sitz der RAD-Regionalgruppe 53 umfunktioniert wurde.[7]

Das bis in die Gegenwart existierende Herrenhaus (Streichrichtung Nordwest–Südost) ist ein „dreigeschossiger Putzbau von 1903 in neobarocken Formen über unregelmäßigem Grundriß [...]. Die Fassaden sind durch unterschiedliche Portal- und Fensterformen, Erker, geschwungene Giebel und differenzierte Dachgestaltung gekennzeichnet. Die Eingangshalle mit Portal und Gewölbe. An der rechten Fassadenseite ein moderner Vorbau."[8] Dank seiner jahrzehntelangen Inanspruchnahme als Kreiskrankenhaus (von 1945 bis Anfang der 1990er-Jahre) ist der Bau noch relativ gut erhalten.

Schon unter der DDR-Flagge wurde der Marstall zu einem Bettenhaus um- und ausgebaut, wodurch das sogenannte „Schloss″ in zunehmendem Maße die Funktion eines reinen Verwaltungsgebäudes annahm. Obwohl der ehemalige Herrensitz nach 1990 an Bedeutung verlor, wurde es 2015 umfassend saniert und von seinen DDR-zeitlichen Anbauten (Aufzugsturm und Flachbau) am westlichen Eckbereich befreit, sodass er heute (2016) neben den modernen Klinikbauten wieder in frischem Glanz erstrahlt.

Der das Haus umgebende Park (1,5 Hektar) zeichnet sich durch einen vorzüglichen Pflegezustand aus. Bedauerlicherweise wurde das 1903 errichtete Torbauwerk (mit Fußgängerpforte und Wagenpassage) vor 1989 zugunsten eines neuzeitlichen Pförtnerhauses abgetragen.[9]

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[1] Marder, Wolfgang: Güter und Dörfer im Kreis Grimmen, Leyerhof 2008, S. 9

[2] Ebd., S. 9f.; nach Strübing, Gerhard: Der Kreis Grimmen. Ein Grundriß der Geschichte. Von den Anfängen bis 1949, Rostock und Greifswald 1989, S. 46 erfolgte der Verkauf 1898

[3] Strübing, Gerhard: Der Kreis Grimmen. Ein Grundriß der Geschichte. Von den Anfängen bis 1949, Rostock und Greifswald 1989, S. 46f.; nach Marder, Wolfgang: Güter und Dörfer im Kreis Grimmen, Leyerhof 2008, S. 10

[4] Marder, Wolfgang: Güter und Dörfer im Kreis Grimmen, Leyerhof 2008, S. 10

[5] Niekammer’s Landwirtschaftliches Güter-Adreßbücher, Bd. 3, Reihe 1: Pommern, Leipzig 1911

[6] Marder 2008, S. 10

[7] Marder, Wolfgang: Güter und Dörfer im Kreis Grimmen, Leyerhof 2008, S. 10

[8] Baier, Gerd; Ende, Horst; Dräger, Beatrix; Handorf, Dirk; Oltmanns, Brigitte (Bearb.): Die Bau- und Kunstdenkmale in Mecklenburg-Vorpommern. Vorpommersche Küstenregion. Stralsund – Greifswald – Rügen – Usedom, hrsg. v. Landesamt für Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, S. 21

[9] Marder, Wolfgang: Güter und Dörfer im Kreis Grimmen, Leyerhof 2008, S. 9 obere Abb.

  1. Bartmannshagen, Herrenhaus von Norden, April 2016; Foto: D. Schnell
  2. Bartmannshagen, Herrenhaus von Westen, April 2016; Foto: D. Schnell
  3. Bartmannshagen, Herrenhaus von Südosten, April 2016; Foto: D. Schnell