Altstadt bei Kolberg (Budzistowo)

Der historisch bedeutsame Ort Altstadt (Budzistowo) liegt zwei Kilometer südlich von Kolberg am Ostufer der Persante. Das dortige Gemeinwesen war das wendische Kolberg (Kołobrzeg, eine wallbewehrte Burgsiedlung), das bereits um 1000 nach Christi in der Chronik des Merseburger Bischofs Thietmar Erwähnung findet.[1] Zu der Zeit waren die Pomoranen am Unterlauf der Persante von Bolesław I. Chrobry, Herzog von Polen, besiegt worden. Die Gunst der Stunde nutzend, gründete dieser mithilfe des deutschen Kaisers Otto III. die Suffragandiözese Kolberg (erster und letzter Bischof war der deutsche Mönch Reinbern).[2] Mit dem Schwinden der polnischen Macht an der südlichen Ostsee wurde Reinbern aber vertrieben, sodass dieser frühe Versuch der Christianisierung der Pomoranen kläglich scheiterte.[3]

Im Jahre 1108 gelangte das alte Kolberg, nun allerdings unter Herzog Bolesław III. Krzywousty (Schiefmund), erneut in die Hände der Polen. Nachdem diese auch die übrigen wichtigsten Burgen der Pomeranen wie Pyritz, Belgard, Stettin, Cammin und Wollin erobert hatten, stand die Christianisierung der dortigen Bevölkerung aus staatspolitischen Gründen erneut auf der Tagesordnung. Dazu wurde der Bamberger Bischof Otto ins Land gerufen, dem es auf seiner ersten 1124/25 durchgeführten Missionsreise mit viel Überzeugungskraft gelang, einen nicht geringen Teil der Bewohner zwischen Oder und Persante zu bekehren.[4] Diesmal fiel die Saat der Kirche im Großen und Ganzen auf fruchtbaren Boden, wogegen die Herrschaft Polens über die Pomoranen nach dem Tode Bolesław III. 1138 erlosch.[5]

Etwa ein Jahrhundert später ließen sich deutsche Kaufleute flussabwärts in der Nähe der dortigen Salzquellen nieder und gründeten eine Siedlung, die die Begehrlichkeit des Camminer Bischofs Wilhelm weckte. Insofern verwundert es nicht, dass der hohe Geistliche „1248 den östlich der Persante gelegenen Teil der Kastellanei [Burgbezirk] Kolberg im Tausch gegen das Land Stargard vom pommerschen Herzog als unmittelbares Herrschaftsgebiet erhielt“[6].

1255 verliehen Wartislaw III. und Bischof Hermann von Gleichen der oben genannten Siedlung unter dem Namen Kolberg lübisches Stadtrecht nach Greifswalder Vorbild. Außerdem gründete der Camminer Oberhirte 1278 an der Stelle der Altstädter Marienkirche ein Benediktiner-Nonnenkloster, das nach seiner 1468/69 erfolgten Verlegung nach Kolberg und zwischenzeitlichen Rückkehr um 1545 erneut in der aufblühenden Hansestadt, nun allerdings als adliges Damenstift, angesiedelt wurde. Überdies sei darauf verwiesen, dass der letzte Kastellan (Burggraf), nämlich Borko, 1287 das Zeitliche gesegnet hatte.[7]

Die auf uns überkommene St.-Johannis-Kapelle in Altstadt (vor 1360 errichtet, 8 × 5 Meter, dreiseitig geschlossener Chor mit Kreuzgewölbe, kleines Türmchen) stand im Mittelalter auf freiem Felde.[8] An der Lage des kleinen Sakralbaus, der heute (2011) wieder in altem Glanz erstrahlt, hat sich seither kaum etwas geändert, wenn man von der vorbildlich gepflegten Gartenanlage rund um das Gotteshaus absieht.

Die Ländereien des nach 1534 aufgelösten Nonnenklosters wurden mit anderen Hufen zum Amt Altstadt zusammengefasst, das 1628 mit 29 Häger- beziehungsweise 116 Hakenhufen, das sind 1740 pommersche Morgen, aufwarten konnte. Später, das heißt um 1780, gab es laut Brüggemann in Altstadt ein ritterfreis Vorwerk mit 702 Morgen und 32 Ruthen, auf dem der königliche Beamte und Generalpächter des Amtes Kolberg seinen Sitz hatte. Dieser konnte über die Dienste von fünf Kossäten und der Bauern in Zwilipp, Wobrow und Poldemin verfügen.

Um 1842 wurde das Domänenvorwerk verkauft. Als Besitzer des nicht kreistagsfähigen Gutes werden genannt: ein Herr Maager (von 1842 bis wenigstens 1870), der Leutnant Alexander Maager (wird 1884 und 1892 erwähnt) und Rudolf Damm (von 1899 bis nach 1935, ließ seinen Besitz 1935 bis auf ein Restgut von 157 Hektar von der Pommerschen Landgesellschaft aufsiedeln). Die aus der Siedlungsaktion hervorgegangenen fünf Höfe liegen ungefähr 1, 5 Kilometer südlich des Ortes.[9]

1910 verfügte das insgesamt 283 Hektar große Gut über 239 Hektar Acker, 42 Hektar Wiesen und 1 Hektar Wald. Auf welche Stückzahlen sich der Viehbesatz des landwirtschaftlichen Großbetriebes zu der Zeit belief, bleibt hier allerdings offen.[10]

Nach 1945 siedelten sich in Altstadt polnische Familien an. Die hier bis dahin hier lebenden pommerschen Einwohner waren zu diesem Zeitpunkt geflohen, bei der sowjetischen Belagerung Kolbergs gestorben oder wurden jetzt vertrieben.

Das bis heute erhaltene Herrenhaus ist vermutlich ein Auftragswerk des oben genannte Leutnants Alexander Maager. Der 1996 noch sehr vernachlässigte Putzbau (leer stehend, elf Achsen, eingeschossig, an Hof- beziehungsweise Ostseite zweigeschossiger Mittelrisalit mit Zinnenattika und zwei Eckpfeilern, vor Risalit säulengestützter Altan, sowohl an der Ost- als auch an der Parkseite je zwei außenmittige Zwerchhäuser, über den hofseitigen Achsen des Erdgeschosses Dreiecksgiebelverdachungen, Hausecken mit Rustikaputz, an der Westseite moderne Terrasse) gelangte nachfolgend mit der kleinen Parkanlage und dem nahen backsteinsichtigen Viehstall in den Besitz einer engagierten Hausherrin, die dafür sorgte, dass sowohl die Gebäude als auch der Park durchgreifend saniert wurden. Seither fungiert das Herrenhaus als Landhotel und der im Stall entstandene Festsaal kann mit einem umfangreichen Veranstaltungsangebot aufwarten.

Altstadt, ein heute von vielen Neubauten und einem Reiterhof geprägter Ort, weiß die Vorzüge seiner peripheren Lage zum See- und Solbad Kolberg erfolgreich zu nutzen.

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[1] Vollack, Manfred: Das Kolberger Land. Seine Städte und Dörfer, bearb. u. hrsg. i. Auftr. d. Heimatkreises Kolberg-Körlin, Husum 1999, S. 700

[2] Ebd., S. 267; vgl. auch Hegewald, Michael: 1000 Jahre Bistum Kolberg?, in: Pommern, Zeitschrift für Kultur und Geschichte, XXXIX. Jg. (2001), Heft 2, S. 20

[3] Vollack, Manfred: Das Kolberger Land. Seine Städte und Dörfer, bearb. u. hrsg. i. Auftr. d. Heimatkreises Kolberg-Körlin, Husum 1999, S. 700

[4] Ebd., S. 700

[5] Lucht, Dietmar: Pommern. Historische Landeskunde, deutsche Geschichte im Osten, Band 3, hrsg. v. d. Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Köln 1996, S. 24

[6] Vollack, Manfred: Das Kolberger Land. Seine Städte und Dörfer, bearb. u. hrsg. i. Auftr. d. Heimatkreises Kolberg-Körlin, Husum 1999, S. 700

[7] Ebd., S. 700f.

[8] Ebd., S. 698f.

[9] Ebd., S. 701; vgl. auch o. A.: Handbuch des Grundbesitzes im Deutschen Reiche, Provinz Pommern, Berlin 1910

[10] o. A.: Handbuch des Grundbesitzes im Deutschen Reiche, Provinz Pommern, Berlin 1910

1. Altstadt bei Kolberg (Budzistowo), Herrenaus, Hof- bzw. Ostseite, August 2011; Foto: D. Schnell

2. Altstadt bei Kolberg (Budzistowo), Herrenhaus, Park- bzw. Westseite, August 2011; Foto: D. Schnell

 

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