Brusenfelde (Dębogóra)
Der Ort Brusenfelde (Dębogóra) liegt an der von Fiddichow nach Greifenhagen führenden Landstraße, und zwar fünf Kilometer nordöstlich der erstgenannten Oderstadt. Eigentlich müsste es hier heißen: der ehemaligen Oderstadt, denn Fiddichow, oder, Fittcho, wie man früher auf Mittelpommersch-Platt sagte, hat sein Stadtrecht nach 1945 eingebüßt.
Im späten Mittelalter gehörte Brusenfelde den Herren von Brusehawer, die wahrscheinlich auch Namensgeber des Ortes waren. Von deren einstiger Burg hatten sich nach Hugo Lemcke um 1900 nur „noch einige Reste der unteren Mauer erhalten, auf denen das (neue) Verwalterhaus gebaut ist. Auch ein Stallgebäude aus Backstein zeichnet sich mit seinen breiten Blendnischen als noch mittelalterlich“ aus.[1] Der hier angegebene Befund von Hugo Lemcke ist, was die Burg betrifft, irrig, denn diese stand gemäß der bis heute (März 2014) vorhandenen Mauerrelikte und Kellergewölbe etwa 15 Schrittlängen westlich des Verwalter- beziehungsweise Herrenhauses. Die alte Veste bedeckte ein rechteckiges Areal (Nord-Süd-Ausdehnung 25 Meter, Ost-West-Ausdehnung ca. 20 Meter), das allseitig von Wasser umgeben war. Dafür spricht das gegenwärtig bis an den westlichen Mauerrest reichende Gewässer eines nahen Teiches. Gleichermaßen scheinen auch Hugo Lemckes Hinweise auf die mittelalterlichen Blendnischen eines Stalls nicht zutreffend zu sein, es sei denn, das in Frage kommende Gebäude mit den Nischen ist nach 1945 der Spitzhacke zum Opfer gefallen.
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts unterstand Brusenfelde dem kurbrandenburgischen Genaralmajor und Gouverneur zu Magdeburg, Ernst Gottlieb von Borstel. Der Genaralmajor verkaufte seinen odernahen Besitz 1685 an die zweite Gemahlin des großen Kurfürsten, Dorothea geb. Prinzessin von Schleswig-Holstein-Glücksburg, die den Ort ihrer Herrschaft Wildenbruch einverleibte. 1782 traten in Brusenfelde, in dem damals 16 Bauern den Acker bestellten, die Amtmänner Schmidt (zwei Brüder) als Pächter in Erscheinung. Am 28. Februar 1810 erwarb der Ökonomierat Dr. Carl Cranz, ein bekannter Musterwirt der Herrschaft Schwedt, das damalige Vorwerk Brusenfelde.[2] Dieser rührige Agrarfachmann legte im Jahre 1821 auf einem Teil der „Dreschberge“ eine Obstbaumpflanzung an, deren Stammanzahl bis 1826 auf insgesamt 2000 Exemplare angewachsen war. Um das mehrere Hektar große Areal nicht dem Selbstlauf zu überlassen und unter Aufsicht zu stellen, ließ der neue Besitzer in demselben ein Wohngebäude ("das Haus im Obstwalde") errichten und mit einem Wärter besetzen.[3] Als weitaus bedeutungsvoller erwies sich jedoch der Einsatz von Carl Cranz für die 1835 gegründete „königliche staats- und landwirthschaftliche Academie Eldena“ bei Greifswald (bestand bis 1876, ihr wohl bekanntester Student war der nachmalige Reichskanzler Otto von Bismarck). Über die Begleitumstände berichtet Michael Lissok: „Nachdem man sich für den Standort Greifswald/Eldena entschieden hatte, begann 1832 die Suche nach einem geeigneten Direktor, der die Agrarschule aufbauen und leiten sollte. Der engagierte Agrarökonom Dr. Carl Cranz, einer der Hauptinitiatoren des Projekts und wichtigster Berater des Ministers von Altenstein in dieser Angelegenheit, brachte als erster Schulze für den Direktorposten ins Gespräch.“[4]
Auf Dr. Cranz geht zudem das 1829 angelegte Kolonistendorf Kranzfelde (1868 ca. 380 Einwohner, acht Kilometer südlich von Greifenhagen gelegen) zurück. Darüber hinaus erhielt das ehemalige Vorwerk Brusenfelde unter der Ägide des Obengenannten 1829 den Status eines landtags- und kreistagsfähigen Rittergutes zuerkannt. Als Carl Cranz 1835 verstarb, fiel das Gut übergangsweise an seine Witwe. Zu deren Besitznachfolgern gehörten:
- Frau Coste (Tochter der Vorgenannten und Gattin des Gutsbesitzers Jean Louis Coste, starb nur wenige Monate nach ihrem Vater, noch ehe der Besitztitel für sie geändert worden war),
- Jean Louis Coste (Ehegatte der Verstorbenen, hatte die Bewirtschaftung des Gutes schon 1830 übernommen, war Abgeordneter im pommerschen Provinziallandtag und ab 1866 Landrat des Kreises Greifenhagen),[5]
- Walter Coste (wird 1911 erwähnt, wohl Sohn des Vorbesitzers)
- und Dr. Walter Coste (wird 1939 genannt). 1911 verfügte das Rittergut über eine Nutzfläche von 517 Hektar und 1939 waren es 533 Hektar.[6]
Anfang März 1945 erreichte die Rote Armee Brusenfelde und nachfolgend wurde der ehemalige Besitz des Dr. W. Coste vom polnischen Staat in ein Staatsgut umgestaltet (PGR, nach 1990 aufgelöst). 2002 wurde das vernachlässigte Anwesen von einer polnisch-deutschen Gesellschaft bewirtschaftet.[7] Fünf Jahre später schienen deren Aktivitäten jedoch auf Sparflamme zu laufen, da die dortigen Ökonomiegebäude zum Teil funktionslos geworden sind. Eine Ausnahme bildete lediglich ein länglicher Flachbau am Hofeingang, der nach wie vor eine Nutzung erfuhr.
Das Brusenfelder Herrenhaus (7 × 3 Achsen, unterkellert zweigeschossig, Satteldach, Innenraumwände des Obergeschosses aus Fachwerk) wurde vermutlich am Ende des 19. Jahrhunderts errichtet. Dieser alte Landsitz verfügt an der Hof- beziehungsweise Ostseite über einen dreiecksübergiebelten Mittelrisalit (eine Achse), der sich wenigstens bis 1945 mit einer hölzernen Veranda schmückte. Außerdem besitzt das Haus an seiner südlichen Schmalseite einen ausgedehnten polygonalen Anbau (sechs Achsen, Flachdach, eingeschossig). Im Jahre 2007 waren die Erdgeschossfenster vermauert und das Dach und die Zwischendecken teilweise eingestürzt. Wesentlich bemitleidenswerter schaut die Hausruine gegenwärtig aus, denn, was blieb, sind lediglich die geborstenen Umfassungsmauern. Von den beiden auf uns überkommenen Ställen aus deutscher Zeit zeichnet sich vor allem das nördliche Exemplar durch seine unkonventionelle Dachform aus. Der Brusenfelder Park (etwa sechs Hektar) beginnt beziehungsweise endet an der südlichen Gutshofgrenze. Die in der Anlage stockenden Gehölzbestände sind verbuscht und verwildert.
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[1] Lemcke, Hugo (Bearb.): Die Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Stettin, hrsg. i. Auftr. d. Ges. f. Pom. Gesch. u. Altertumskunde, Heft VI: Der Kreis Greifenhagen, Stettin 1902, S. 179
[2] Lissok, Michael: Eine Prunkvase aus der königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin für den ersten Direktor der Landwirtschaftsakedemie Eldena, Friedrich Gottlob Schulze, 1837, in: Stiftung Pommersches Landesmuseum. Prunkvase, 1837, hrsg. von der Kulturstiftung der Länder in Verbindung mit der Stiftung Pommersches Landesmuseum, Greifswald 2001, S. 20 sowie Berghaus, Heinrich: Landbuch des Herzogthums Pommern, II. Th., Bd. III, enthaltend die Kreise Greifenhagen und Pyritz, Anklam und Berlin 1868, S. 365. Bei Berghaus wird als Erwerbungsdatum fälschlicherweise der 7. November 1812 angegeben.
[3] Berghaus, Heinrich: Landbuch des Herzogthums Pommern, II. Th., Bd. III, enthaltend die Kreise Greifenhagen und Pyritz, Anklam und Berlin 1868, S. 365
[4] Lissok, Michael: Eine Prunkvase aus der königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin für den ersten Direktor der Landwirtschaftsakedemie Eldena, Friedrich Gottlob Schulze, 1837, in: Stiftung Pommersches Landesmuseum. Prunkvase, 1837, hrsg. von der Kulturstiftung der Länder in Verbindung mit der Stiftung Pommersches Landesmuseum, Greifswald 2001, S. 20
[5] Berghaus, Heinrich: Landbuch des Herzogthums Pommern, II. Th., Bd. III, enthaltend die Kreise Greifenhagen und Pyritz, Anklam und Berlin 1868, S. 365
[6] Niekammer’s Landwirtschaftliches Güter-Adreßbücher, Bd. 3, Reihe 1: Pommern, Leipzig 1911 u. 1939
[7] Kämper, Herbert: Wald gehört zu jeder Gemeinde, in: Die Pommersche Zeitung, Folge 32/02 vom 10. August 2002, S. 6
- Brusenfelde (Dębogórz), ruinöses Herrenhaus, Hof- bzw. Ostseite, März 2007; Foto: D. Schnell
- Brusenfelde (Dębogórz), ruinöses Herrenhaus von Südosten, März 2007; Foto: D. Schnell
- Brusenfelde (Dębogórz), Ökonomiegebäude, Hof- bzw. Südseite, März 2007; Foto: D. Schnell
- Brusenfelde (Débogórz), Schuttberg der abgängigen Burganlage von Süden, März 2014; Foto: D. Schnell
- Brusenfelde (Débogórz), westlicher Mauerrest der abgängigen Burganlage, März 2014; Foto: D. Schnell
- Brusenfelde (Débogórz), durchbrochener Gewölbekeller der abgängigen Burganlage, März 2014; Foto: D. Schnell
